Süchtig nach Unsterblichkeit

Rekordgier: Immer höher, schneller, gefährlicher

Ein starker innerer Antrieb, Wettkampf und Ruhmsucht seien die Motive für immer neue Rekordleistungen auch im Alpinismus, meint der Wiener Philosoph Konrad Paul Liessmann. Viele vermeintliche Rekorde werden medial aufgeblasen und das Geschehen dramatisiert. Das Publikum verehrt Rekordsportler wie früher Krieger bewundert wurden.


Die Aktion von Felix Baumgartner war der Gipfel: 2,3 Millionen Menschen waren allein bei der Live-Übertragung des ORF dabei. Er wurde als „wahrer Held unserer Zeit“ gefeiert, sein Absprung sei ein „historischer Moment“ gewesen. Beim bisher höchsten Sprung eines Menschen aus 39.000 Meter Höhe mit mehr als 1.300 km/h Geschwindigkeit sei erstmals im freien Fall die Schallmauer überwunden worden. Er sei im Dienst der Wissenschaft unterwegs gewesen, hieß es um wohl die hohen Kosten von 50 Millionen Euro zu rechtfertigen. Man habe vorher nicht gewusst, wie der Mensch beim Durchbrechen der Schallmauer reagiere. Der Physiker Werner Gruber widerspricht: „Es war ein tolles Medienereignis, aber der Wissenschaft hat es nichts Neues gebracht“. Baumgartner sei nicht der Erste: „Es gab schon Unfälle, wo Jet-Piloten in ähnlichen Höhen mit fünffacher Schallgeschwindigkeit ausgestiegen sind und dann den Fallschirm gezogen haben.“ Man wisse viel über die Stratosphäre und wie der Körper dort reagiert. Dass Piloten ähnliches immer wieder vollbringen, werde nicht an die große Glocke gehängt, weil es sich im militärischen Umfeld zutrage, erklärt Gruber. Es war also eher ein Musterbeispiel von perfektem Marketing.


Es treffen zwei Interessen aufeinander: Das Motiv des Sportlers, der mit Passion und Egozentrik seine Träume verfolgt und dafür Geld benötigt. Und das Interesse von Firmen, die Werbeträger brauchen. Konsumenten verbinden Produkte mit den Helden – und kaufen ein. Wenn sich Bergsportler gut vermarktbare Ziele setzen, haben sie viele Sponsoren. Das zeigte sich auch beim Wettlauf um die 14 Achttausender: Auf Gerlinde Kaltenbrunner und Edurne Pasaban setzten jeweils mehr als zehn Sponsoren. Als Reinhold Messner&Co zum Rekord unterwegs waren, war Sponsoring noch nicht so ausgeprägt wie heute. Messner gilt trotzdem als Vorreiter: Er konnte von der Vermarktung seiner Passion erstmals gut leben.
Selbst unter Hobbybergsteigern zählen oft Höhenmeter und Schnelligkeit mehr als Genuss und Naturerlebnis. Um auf die höchsten Gipfeln zu gelangen, stehen Alpinisten Schlange, während man gleich daneben allein sein kann. Doch bewundert und vor allem gesponsert werden jene, die mit namhaften Berggipfeln aufwarten können und nicht mit no-names, seien sie noch so schwierig. Der Hype um die Achttausender verstellt leider mitunter den Blick auf wirklich avantgardistische Alpinisten.


Warum ist das so? Was treibt Menschen ans Limit zu gehen? Warum fasziniert das so viele?
„Jeder Mensch hat Grenzen, aber nicht jeder akzeptiert sie“, lautete Baumgartners Motto. Es geht um Grenzüberschreitung, obwohl das letztlich unmöglich ist. Der Mensch könne seine Grenzen nur ausdehnen, erklärt Philosoph Konrad Paul Liessmann, der sich im Buch „Lob der Grenze“ (Zsolnay-Verlag) damit beschäftigt. Denn: „Der Mensch ist ein endliches, ein rundum begrenztes Wesen.“ Die Grenze schlechthin ist der Tod. Wir wollen uns damit nicht abfinden und messen uns daran. Natürlich sind Sportler nicht suizidgefährdet, im Gegenteil. Viele beschreiben ein intensives Lebensgefühl, wenn sie ein Limit überwunden haben. Aber sie gehen bewusst Todesgefahren ein. Alpinisten können durch gute Vorbereitung das „Restrisiko“ am Berg minimieren, doch auch dann setzten sie sich großer Lebensgefahr aus. Ihr Argument, dass überall was passieren kann, lenkt ab: Wenn man in einer europäischen Stadt über die Straße geht, ist es nun mal weniger wahrscheinlich zu sterben als am K2. Große Anerkennung und Aufmerksamkeit sind garantiert, wenn es gefährlich wird. Weil es bei Baumgartner scheinbar um Leben und Tod ging, saßen Millionen vor dem Fernseher. Weil beim K2-Gipfelversuch Kaltenbrunners Kollege Sven Ericcson umkam, hievte sie die Bildzeitung aufs Titelblatt. Gefährlichkeit kann auch nur gut inszeniert sein: Zuerst wurde Baumgartners Sprung dramatisiert, danach meinte Sponsor Dietrich Mateschitz: „Die meisten Sportarten sind gefährlicher, sogar beim Autofahren ist man einem größeren Risiko ausgesetzt.“


Ohne Menschen, die Grenzen verschieben, gebe es aber auch keinen Fortschritt. Dieses Streben könne nicht von außen erzwungen werden, sondern setze einen inneren Antrieb voraus, so der Genetiker Markus Hengstschläger. „Es muss aber die Frage erlaubt sein, was bringt es der Allgemeinheit?“ Bei vielen Rekordleistungen stehe nicht der Sinn für die Gesellschaft im Vordergrund, sondern der Profit für Einzelne.

Obwohl jeder einmalig ist, meinen viele, nur dann besonders zu sein, wenn sie mit dem Segen der Medien aus der Masse herausragen. Die Medien entscheiden - immer mehr aufgrund von Quote und Auflage - auf wen das Licht fallen soll und auf wen nicht. So will man auffallen um jeden Preis. „Nachdem wir in dieser medialen Welt von so vielen Bestleistungen aller Art und von so vielen Rankings umgeben sind, muss man sich natürlich Lücken suchen, wo noch niemand oder wenige Leistungen erbracht haben“, erklärt Liessmann. Viele Profialpinisten übermitteln ihre Leistungen in Sekundenschnelle virtuell. Denn ist man medial nicht präsent, existiert man offenbar nicht. Und wer das Geld nicht hat, ist nicht dabei. Viele moderne „Abenteuer“ spielen sich zwischen Satellitentelefon, GPS und High-Tech-Kleidung ab und weil es so abgesichert ist, muss alles dramatisch in Szene gesetzt werden. „National Geographic“ betitelte zum Beispiel den Bericht über die K2-Expedition von Gerlinde Kaltenbrunner martialisch mit „K2 – Auf Leben und Tod“. Entscheidend ist die richtige Inszenierung: Bei Baumgartners Sprung waren Millionen dabei, weil es eigens für so viele Zuschauer wie ein Schauspiel inszeniert wurde.

 

Ein wichtiges Motiv scheint auch der Drang nach Unsterblichkeit zu sein: Baumgartner sprach vom „Projekt seines Lebens, mit dem ich Geschichte schreiben könnte“. Auch der verunglückte Alpinist Gerfried Göschl meinte, dass er „Spuren für die Ewigkeit hinterlassen“ wolle. „Ewigkeit ist ein großer Begriff“, betont Liessmann. „Unsterblich sein zu wollen, heißt, die Spur von seinen Erdentagen so einzuzementieren in diese Welt, dass man nicht vergessen werden kann. Man kann sich schon fragen, ob es wirklich wert ist im Gedächtnis der Menschheit zu bleiben, wenn jemand mit höchsten technischen Aufwand im Stande war da runter zu hüpfen. Ist das so viel wert wie wissenschaftliche Entdeckungen, soziale Errungenschaften und künstlerische Produktionen? Wer in die Ewigkeit eingehen will, unterliegt ganz klar dem Motiv der Ruhmsucht.

 

Warum will man berühmt sein? Um die eigene Sterblichkeit zu überwinden. Wann kann ich der Menschheit demonstrieren, dass ich unsterblich bin? Indem ich mein Leben zur Disposition stelle. Dieses Motiv erlaubt, den Anspruch zu stellen: Jetzt habe ich das Recht in die Ewigkeit einzugehen. Das große Verhängnis ist natürlich, dass keiner von denen in die Ewigkeit eingehen wird. Sie werden in wenigen Jahren Fußnoten in der Sport- oder Mediengeschichte sein.“ Leistungen in Kunst und Wissenschaft bleiben im Vergleich zum Sport relativ unterbelichtet. Physiker Gruber nennt ein Beispiel: „An dem Tag, als Baumgartner springen hätte sollen und es dann verschoben wurde, ist der Physiknobelpreis vergeben worden. Das war nur eine Fußnote.“


Wenn Extremsport also die wichtigste Identifikation ist, ist das dann nicht eine arme Kultur, fragt Liessmann. Extremleistungen hofieren wir geradezu: „Im Sport ist Heldenverehrung noch zulässig, früher wurden Krieger so verehrt. Risiken einzugehen, sein Leben aufs Spiel zu setzen, Gewaltmärsche freiwillig zu machen, das alles projizieren wir nun auf Sportler“, so Liessmann. Der Kletterer Thomas Huber beschreibt das so: „Meine Familie lebt davon, dass ich aufs Schlachtfeld gehe und den Herkules spiele. Und dann komme ich als Held zurück, der zwischen Leben und Tod gewandert ist, und werde dafür bewundert. Dann rollt der Rubel. Das ist jetzt ein bisschen plakativ, aber letztlich ist es so“.


So selbstkritisch wie sich der Schweizer Alpinist Oswald Oelz es in seinem Buch „Mit Eispickel und Stethoskop“ gibt, ist selten. „Das Erreichen eines bergsteigerischen Ziels bedeutet Erfolg und „Heldentum“, also erstrebenswerte Ziele unserer Gesellschaft. Rad schlagende Pfaue sind wir alle. Wir halten uns selbst für unendlich wichtig, für den Nabel der Welt, und versuchen krampfhaft, die geahnte eigene Bedeutungslosigkeit zu übertünchen.“ Fernab von Rekorden bewirbt der kürzlich verstorbene Altbischof Reinhold Stecher das Wandern: „Es ist eine sanftere Form des Sports und des spielenden Menschen, der hier ja etwas tut, was er nicht tun muss. Aber hinter dem ruhigeren Schreiten des Wanderers und seiner rekordfremden Gelassenheit eröffnen sich tiefere Reichtümer.“

 

Erschienen in „Bergauf“ 3/2013

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