Der Anfang war urschwer

Migration und Schule wird viel diskutiert. Wie der Bildungssektor auf Kinder von Asylwerbenden reagiert, nicht so sehr. Was aber passiert mit schulpflichtigen Kindern, die ohne Sprachkenntnisse, vielleicht auch ohne Eltern, in Österreich ankommen?

 

"Land der Berge, Land am Strome ...“ Die zarte zehnjährige Cheda sitzt auf einer Holzbank im Schulhof, die Sonne scheint. Cheda erzählt, dass sie gern singt und zögert nicht, die erste Strophe der Bundeshymne vorzusingen, sogar mit gendergerechtem Passus: „Land der großen Töchter Söhne ...“ Das Mädchen hat schon einiges hinter sich: Ihre Mutter flüchtete mit drei Kindern aus Tschetschenien, Cheda war zwei Jahre alt. Zuerst strandeten sie in Graz, dann kam die Familie nach Wien. Sie denkt kurz nach, aber nein, der Wechsel von Graz nach Wien war kein Problem, auch Deutsch nicht. „Nur am Anfang habe ich mich in der neuen Schule geschämt, weil mir alle Kinder neu waren. Aber ich habe sie dann ja kennengelernt.“ Im Herbst wird Cheda in ein Gymnasium wechseln.

 

„Vor unseren Schülern braucht sich niemand zu fürchten“, sagt Direktorin Lisa Stecher der VS Gaullachergasse in Wien-Ottakring. Im Computer sucht sie nach der absoluten Schülerzahl und dem Anteil der SchülerInnen, die nicht Deutsch als Erstsprache haben: 210 Kinder, davon 197 mit Migrationshintergrund. Stecher muss überlegen, wer die 13 Kinder sind, die Österreichisch als Erstsprache haben. Pro Klasse sind es nur ein oder zwei. Franka zum Beispiel. Ihre Mutter findet, dass sie von der Vielfalt nur profitieren könne. Denn der Vorteil eines hohen Migrationsanteils sei, dass die Schule mehr Förderstunden zur Verfügung hat und in den Klassen zwei LehrerInnen unterrichten. Die Schule stützt sich auf Sonderschul-, Beratungs- und muttersprachliche LehrerInnen. Kinder von Asylwerbenden und anerkannten Flüchtlingen haben es in Österreich schwer, ins Regelschulsystem einzusteigen: Es fehlt an genügend Förderlehrkräften, an Grundbildung, und die Kinder haben mit psychischen und sozialen Problemen zu kämpfen: Stecher dazu: „Nötig wäre im Team noch ein Sozialarbeiter. Denn letztlich ist meistens nicht die Sprache das Problem, sondern die soziale Situation. Viele sind schlichtweg überfordert, die Familien groß, die Kultur und Sprache fremd. Kinder, die von Flucht und Gewalt traumatisiert sind, haben anfangs überhaupt keinen Kopf fürs Lernen.“

 

Kinder in andere Bezirke chauffiert

 

Die Volksschuldirektorin war vorher „auf einem anderen Stern“, wie sie sagt. Sie hat an einer Schule in einem wohlhabenden Bezirk gearbeitet, wo viele Kinder auch nicht Deutsch beherrscht haben, aber dank eines fördernden Elternhauses rasche Lernerfolge erzielt haben. Eine bessere Durchmischung der Klassen wäre jedoch vorteilhaft, denn die Einstellung von Frankas Mutter sei nicht häufig. Der Bezirk hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt: Ein junges, kreatives Publikum hat sich zu den eingewanderten Familien gesellt. „Alles ist sehr cool, viele geben sich ausländerfreundlich und weltoffen, doch den eigenen Nachwuchs chauffieren sie lieber in andere Bezirke als zur Schule um die Ecke. Das ist wirklich schade, denn wir würden uns sonst alle viel leichter tun“, findet Stecher. Die Direktorin macht viel Werbung, denn die Volksschule bietet allerlei: Singprojekte wie „Superar“ werden eben so veranstaltet wie Kunstprojekte. Doch geändert hat sich bislang nichts.

 

Ganztagsschule wäre wichtig

 

Anneliese Eguiagaray-Steinkellner arbeitet heute mit der Klasse 4a. Spricht ein Kind kein Wort Deutsch, funktioniere es nur in Kleinstgruppen, mit Geduld und auch mit Bildmaterial, so die Lehrerin. Individuelle Betreuung ist das Gebot der Stunde. In Integrationsklassen mit nur sechs Kindern ist das einfacher als in Klassen mit bis zu 21. Wenn Kinder aus Afghanistan oder dem Irak kommen, fehlt es oft an muttersprachlichen LehrerInnen. „Wenn die Eltern nur schlecht Deutsch sprechen, sind muttersprachliche Lehrer wichtig. Das Vertrauen ist groß, und man kann viel erreichen.“ Einerseits. Andererseits fürchten manche Eltern auch, dass ihre Kinder mit muttersprachlichem Personal nicht gut genug Deutsch lernen. Eguiagaray-Steinkellner versucht die Eltern dann zu überzeugen, dass eine Fremdsprache leichter zu erlernen ist, wenn die Erstsprache sitzt. „Wir sind stolz auf unsere Kinder, auf die Vielfalt, hier, wo in einer Klasse 13 verschiedene Sprachen gesprochen werden. Wenn das Deutsch noch nicht so gut geht und auch die Muttersprache nicht, sagen wir immer ermutigend: Halb und halb ist auch eins. Man soll nicht immer auf die Schwächen schauen, sie haben auch so viele Stärken. Jeder hat etwas Besonderes, das gilt es hervorzulocken“, so Steinkellner. Eine Ganztagsschule wäre für viele Kinder absolut notwendig. Die Trennung der Kinder ab dem 10. Lebensjahr sei „viel zu früh“, da der Spracherwerb seine Zeit brauche. Doch seit etwa einem Jahr mache sich immerhin bemerkbar, dass in den Kindergärten mehr Wert auf Sprache gelegt wird. Im Unterricht wird Deutsch gesprochen, auch in den Pausen sollten die Kinder dabei bleiben, sie müssen aber nicht. „Ich habe auch im Ausland gelebt, und ich hätte mich schön bedankt, wenn ich mit meiner Kollegin nicht in meiner Muttersprache sprechen hätte dürfen.“ Wenn die Klassen bunt gemischt sind, bilden sich nicht so leicht sprachliche Gruppen. Der elfjährige Muhammed, dessen Eltern aus der Türkei stammen, erzählt, dass er anfangs viel verstanden habe, aber sich nicht ausdrücken konnte. „Ich habe immer Türkisch gesprochen, zu Hause, in der Schule, auch in der Klasse waren viele Türken. Es war für mich eine Hilfe, dass ich Deutsch sprechen musste.“ Er liest nun gern Bücher von Christine Nöstlinger, und er lernt Arabisch. Wie gut die Integration der Kinder von Asylwerbenden glückt, hängt stark von engagierten LehrerInnen ab – selbst mit wenigen Ressourcen. Auch wenn der sozioökonomische Hintergrund entscheidend sei, sollte man kulturelle Unterschiede nicht unterschätzen, meint Otto Hollerwöger, Leiter der Jugend-WG „Caravan“ im Integrationshaus: „Es gibt tausend Missverständnisse. Es ist einem nichteuropäischen Kind schwer zu vermitteln, was ein Schulausflug bedeutet, dass das auch Unterricht ist, wo man hingehen muss. Oder der Schwimmunterricht: Nicht nur muslimische Mädchen, auch Burschen fühlen sich in einer Badehose nackt und unsicher.“

 

Das Papier nicht wert

 

Weltweit sind 50 Prozent der rund 45 Millionen Flüchtlinge unter 18 Jahre alt. Viele kommen allein nach Europa, vor allem aus Afghanistan. Um diese Gruppe kümmern sich Daniela Albl und Veronika Krainz vom Verein „lobby.16“. Ausbildung steht im Mittelpunkt. Die meisten sind nicht mehr schulpflichtig, der Einstieg ins Regelschulsystem klappt häufig nicht – nicht nur wegen mangelnder Deutschkenntnisse, sondern weil die Grundbildung fehlt. Viele wurden nicht alphabetisiert, da sie nie eine Schule von innen gesehen haben. Von einem Wort zu einem sinnvollen Satz zu kommen, ist eine Abstraktionsleistung. Wenn man das nie gelernt hat, erzählen Albl und Krainz, sei das Erlernen einer neuen Sprache extrem schwer. Da viele junge AsylwerberInnen traumatisiert sind und Schlafprobleme haben, plagen sie sich auch mit Konzentrationsschwäche. Normale Hauptschulabschlüsse sind häufig nicht das Papier wert, wie eine Aussage eines Berufschullehrers beweist: „Ich vergebe oft positive Noten, obwohl die Leistung nur Nicht genügend ist, aber dann haben sie wenigstens den Abschluss und sind weg. Defizite, die sie mitbringen, können wir hier nicht mehr ausgleichen.“ Veronika Krainz versteht dieses Vorgehen nicht: „Das ist kurzsichtig. Denn wie soll es dann weitergehen? Die Jugendlichen schaffen mit diesem Abschluss keine Aufnahmetests für Lehrstellen. Denn wenn, wie in vielen Fällen, Volksschulniveau vorhanden ist, geht das für die Firmen beim besten Willen nicht.“

 

Genau da setzt seit 2010 das Lehrstellenprojekt „Bildungswege“ von lobby.16 an. Die TeilnehmerInnen werden in den Kulturtechniken nachqualifiziert und erfahren mehr über das Arbeitsleben in Österreich. Derzeit nehmen 24 Jugendliche teil, 17 haben bereits eine Lehrstelle in Aussicht. Der Bedarf ist natürlich größer. Bis Juli 2012 durften Asylwerbende weder arbeiten noch eine Lehre machen. Durch einen Erlass von Sozialminister Rudolf Hundstorfer wurde der Zugang für minderjährige AsylwerberInnen zu einer Lehre in Mangelberufen gewährt, ab März 2013 auch für Jugendliche bis 25 Jahre. „Dadurch hat sich die Lage zwar entschärft, aber wirklich besser ist es insgesamt noch immer nicht“, so Krainz. Junge AsylwerberInnen kämpfen zudem finanziell in der Lehre viel mehr noch als subsidiär Schutzberechtigte oder Asylberechtigte, da sie keinen Anspruch auf Familienbeihilfe oder Mindestsicherung haben. Hollerwöger findet die Öffnung nur für Mangelberufe zu restriktiv: „Das ist ein Nadelöhr, da gibt es ja nur drei Dutzend. Es ging hier wohl nur darum zu zeigen, dass die Jugendlichen prinzipiell eine Ausbildung machen können.“ Daniela Albl von lobby.16 bemängelt, dass es keine Kontinuität gebe: „Die Qualifizierung von jugendlichen Flüchtlingen ist von Anfang an nicht nahtlos. Das macht es so schwierig. Es vergeht viel Zeit, immer wieder gibt es Brüche und Pausen. Das Herumsitzen ist extrem demotivierend“.

 

Der Anfang war urschwer

 

Das kann auch der mittlerweile 21-jährige Bashir Mahmudi bestätigen: „Zwei Jahre habe ich verloren, ich habe keine Chance bekommen und bin nicht vorangekommen.“ Als Asylwerber aus Afghanistan war er zuerst im Aufnahmelager Traiskirchen, dann eineinhalb Jahre in einem Heim in Wels, wo er nur einen Deutschkurs machen konnte. Als er nach Wien kam, hat sich das Blatt gewendet: Hauptschulabschluss, Förderkurs. Die Firma Kapsch ermöglicht ihm nun eine Lehre zum Kommunikations- und Informationstechniker. Er ist ein Beispiel dafür, wie motiviert viele Jugendliche sind. Und wie viel Zeit, Nerven, Geld und Potenzial vergeudet werden. Jeder Tag ohne Perspektive befördert die vielzitierten Negativkarrieren. Private Sorgen drücken zusätzlich aufs Gemüt: Bashir weiß nicht, was aus seinen drei Brüdern geworden ist. Die Eltern sind tot. „Der Anfang war urschwer für mich. Ich wollte gern in die Schule, aber es war unmöglich. Ich war allein, hatte keine Freunde, alles war neu. Aber ich habe es immer wieder versucht und nicht aufgegeben.“ Verschiedene Träger bieten Kurse für unbegleitete Flüchtlinge an. Die VHS Ottakring veranstaltet „Brückenkurse“, die die Lücke zwischen Basisbildung und den Lehrgängen zum Pflichtschulabschluss schließen sollen. „Wir haben in den letzten Jahren festgestellt, dass viele Jugendliche nach Abschluss unserer Basisbildungskurse noch fehlende Kompetenzen da und dort vorweisen, um die Hauptschule in zehn Monaten zu schaffen“, erklärt Direktorin Ilkim Erdost. 2013 wurden die Kurse erstmals pilotiert, das AMS hat die weitere Finanzierung zugesichert.

 

So positiv einzelne Maßnahmen sind, es fehlt eine Gesamtstrategie, meint Krainz. „Es ist nicht sinnvoll, gute Kurse auf eine schlechte Basis zu setzen. Man müsste früher ansetzen. Es braucht ein durchgängiges, flexibles Modulsystem, wo jeder junge Flüchtling dort einsteigen kann, wo er wirklich steht. Am Ende muss ein Niveau vorhanden sein, mit dem er im Bildungssystem weiterkommt. Alles andere hat wenig Sinn, auch finanziell.“ Lobby.16 kooperiert eng mit vielen Firmen. Krainz weiß, dass sie ähnlich denken. Das Rad muss man nicht neu erfinden: Vorbild könnte die ,SchlaU-Schule‘ in München sein, wo Qualifizierungen gebündelt werden. An der staatlich anerkannten Schule werden rund 220 Flüchtlinge zwischen 16 und 21 Jahren zu einem Abschluss geführt. Durch gezielte individuelle Förderung können die meisten rasch ins Regelschulsystem umsteigen. Das Potenzial unbegleiteter Flüchtlinge nicht zu nutzen, findet Hollerwöger dumm: „Man kann sich nur freuen, wie hoch motiviert sie sind. Sie sind flexibel, stark, haben Durchhaltevermögen und wollen liebend gern auf Almosen verzichten.“ Wie hungrig viele sind, verdeutlichte auch Andreas Lipsch, Chef des deutschen Vereins Pro Asyl, bei einem Vortrag in der VHS Ottakring, als er die Flucht des 25-jährigen Mohamed S. aus Äthiopien schilderte, der jahrelang zwischen Afrika und Europa hin und her geschoben wurde, in der Sahara Dutzende Flüchtlinge verdursten sah, in Libyen in unterirdischen Gefängnissen interniert wurde, wieder flüchtete und in Deutschland endlich bleiben konnte. „Diese Menschen werden nicht zu Hause bleiben. Es gibt einen Leidensdruck, der sie wegtreibt. Es ist zudem eine Illusion, dass Flüchtlinge wieder gehen“, meint Lipsch. Viele werden sich hier gut entwickeln – wenn man ihnen eine Chance gibt.

 

Mo-Magazin, Juni 2014

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