Der Himmel, das Wasser und die Ziegen

Das norwegische Aurland ist abgeschieden, aber nicht ganz aus der Welt. Eva Bachinger berichtet von diesem Winkel der Welt zwischen zwei Fjorden.

 

Unser Boot gleitet langsam an den Holzsteg der Familie Skjerdal in Flåm im Süden Norwegens. Eine junge Frau steht da und wartet. Stolz und Gelassenheit liegen in ihrer Haltung. Die langen, blonden Haare hat sie zu einem Zopf zusammengebunden, eine dicke Stirnsträhne nach hinten geflochten. Es ist ein Bild wie vor Jahrhunderten, als hier schon Menschen siedelten. Es regnet in Strömen. Das ist am Aurlandsfjord im Südosten von Norwegen normal. Die Tropfen sind so groß und schwer, dass sie auf dem Wasser Luftblasen bilden, die wie Seifenblasen zerplatzen. An den umgebenden Felswänden zieht Nebel hinauf, das Grün schimmert vor Nässe. Dramatisch steile Berge ragen bis zu 1.400 Meter hoch.

 

Kann man hier leben? Die Familie Skjerdal kann. Sie betreibt hier eine Farm mit einer Alm und ein Ferienhaus. Auf jedem noch so kleinen ebenen Stück Land – davon gibt es im Aurland in der norwegischen Provinz Sogn og Fjordane nicht viel – trotzen die Menschen seit Jahrhunderten den Naturgewalten und der Abgeschiedenheit. Die zahlreichen Stabkirchen aus dem frühen Mittelalter legen von diesen Siedlungen im fast letzten Winkel des mächtigen Sognefjords Zeugnis ab. Hier in Aurland stehen die ältesten. Der Aurlandsfjord ist ein Seitenarm des Sognefjords, mit über 200 Kilometern Länge der längste Fjord Norwegens und auch der tiefste. Der Aurlandsfjord zweigt weit im Landesinneren nach etwa 150 Kilometern von ihm ab – ein Grund, warum sein Wasser kaum noch salzig schmeckt. Elf Kilometer weiter ein neuer Fjord: Der berühmte Nærøyfjord, seit einigen Jahren Weltnaturerbe der UNESCO und der schmalste Fjord in Norwegen. Die norwegischen Fjorde entstanden nach der letzten Eiszeit, als die abschmelzenden Talgletscher auf ihrem Weg zum Meer das Gestein der Flussbetten mit sich rissen und so die tiefen Gräben schufen, die heute die einzigartige norwegische Landschaft prägen.

 

Es gibt viele Geschichten aus dem mystischen und einsamen Aurland. Zum Beispiel jene von der Hochzeitsgesellschaft aus dem Dorf Bakka am Nærøyfjord, die sich 1835 auf den mühsamen Weg nach Undredal am Aurlandsfjord machen musste, weil es nur dort eine Kirche gab. Auf dem Weg entlang der Steilwände am Ufer kamen elf Menschen – darunter auch das Brautpaar – durch einen Steinschlag ums Leben. Seitdem hat Bakka eine eigene Kirche. Seit dreizehn Jahren gibt es einen Tunnel, der Bakka mit dem benachbarten Gudvangen verbindet und seit einem Jahr leben in Bakka 14 Menschen: Weihnachten voriges Jahr wurde ein Baby geboren. Das Dorf Undredal bringt es immerhin auf 100 Einwohner und rund 500 Ziegen. Seine Kirche ist aus dem Jahr 1147, eines der ältesten Gotteshäuser Norwegens und die kleinste der Stabkirchen des Landes. Seit dreißig Jahren kann man Orte wie Gudvangen und Undredal auch mit dem Auto erreichen, weil es für den Weg über das Festland Tunnel gibt. An Orte wie Styvi aber gelangt man auch heute noch nur zu Fuß auf einem alten Postweg oder mit dem Boot. In diesem Ort, der im Grunde ein Postamt ist, lebt nur das Ehepaar Kjellaug und Botolv Hov. Vor ihrem Haus steht ein Elektro-Rollstuhl: Beide sind beinahe 90 Jahre alt. Sie betreiben ein Bauernmuseum und erzählen stolz, dass die kleine Landwirtschaft seit Jahrhunderten im Besitz ihrer Familie ist. Früher kam über die Styvi die gesamte Post, die von Osten nach Westen und retour geschickt wurde. Das dauerte. Das Aurland hat heute etwa 1.300 Einwohner. Man lebt von der Landwirtschaft und inzwischen auch vom Tourismus.

 

Am Bootssteg haben sich die Seeadler wegen des anhaltenden Regenwetters verzogen, ein Seehund hält nur kurz seine Schnauze in den Regen und taucht wieder ab. Die blonde Frau begrüßt uns fröhlich: „Ich bin Sigrid Skjerdal. Willkommen bei uns“. Ich wünschte fast, sie würde ein Kleid aus grobem Leinen wie früher vielleicht die Frauen der Wikinger tragen, aber auch am Aurlandsfjord ist die Zeit natürlich nicht stehen geblieben. Sigrid trägt eine blaue, wasserdichte Funktionsjacke. „Norwegen gibt es nicht ohne Regen“, sagt sie. Sie will uns vielleicht trösten, denn wir sind alle pudelnass. Vor der Fahrt mit dem Schnellboot wurden wir in Ölzeug gepackt, bekamen Skibrillen, Handschuhe und Hauben, die wir unter den Kapuzen tragen. Den vielen Regen hat Norwegen dem Nordatlantikstrom zu verdanken. Er ist der Preis für die relativ milden Temperaturen im Winter. Wind, Nässe oder Kälte sind für Norweger kein Grund, in der warmen Stube zu hocken. Gegen schlechte Witterung gibt es gute Kleidung und die richtige Einstellung, sagen sie. „It ́s all about attitude“ – diese Aussage hört man oft in Norwegen. Norweger sind gerne draußen in der Natur. Und die ist in Norwegen schlicht beeindruckend und atemberaubend schön.

 

Sigrid geht uns voraus, 360 Höhenmeter hinauf zur Alm Leim, die seit Generationen ihrer Familie gehört. Je höher wir steigen, desto mehr sehen wir von der Bucht und dem Fjord. Manchmal blitzt die Sonne durch die Wolken und der Himmel wird weit. Flåm ist das touristische Zentrum der Region, am Hafen können sogar Kreuzfahrtschiffe ankern. Hier wurde 1923 die Flåmsbahn gebaut, die heute vor allem eine Touristenattraktion ist – auf der zwanzig Kilometer langen Strecke nach Myrdal gibt es Steigungen von 55 Prozent. Beim mächtigen Wasserfall Kjosfossen macht die Bahn eine Fotopause, die besonders die japanischen Touristen regelmäßig entzückt, denn zur Untermalung der mystischen Stimmung lässt der Tourismusverband an der Stelle eine Huldra auftreten – die Frauengestalt, die der Sage nach die Männer in Berge lockte, wo sie für immer verschwanden. Wir lassen Flåm hinter uns und gehen über eine steile Straße aus dem Ort hinaus und weiter über einen steinigen Waldweg durch üppiges Grün. „Mein Großvater musste noch drei Stunden lang zu Fuß zur Schule gehen, mein Vater konnte ein Stück schon mit einem kleinen Bus fahren“, erzählt Sigrid. Die Holzbrücken über den tosenden Bach sind neu, eine mächtige Lawine hat die alten im Winter zerstört, die Eisenstreben liegen noch im Bachbett.

 

„Franseska, Mandarina, Mathilda!“ hört man Sigrids Mutter, Anne Karin Hatling, rufen. Die Bäuerin versucht, ihre Ziegen aus dem Stall zu locken. „Ich kann mich nicht mehr an alle Namen erinnern, die ich meinen Ziegen jemals gegeben habe, aber meine liebsten Namen sind ‚Nemi‘ und ‚Monster“, meint sie in fließendem Englisch. Das Aurland ist abgeschieden, und wir befinden uns auf einer Bergalm, aber Englisch ist selbstverständlich. All das Locken nützt heute nichts: Die Ziegen mit ihrem schwarzen, braun-weißen und manchmal auch gräulichen Fell lassen nur ein leidvolles Meckern hören und bleiben dicht gedrängt in ihrem Unterstand. „Sie mögen den Regen nicht, aber sie mögen es auch nicht, wenn es zu heiß ist. Ziegen sind ein bisschen kompliziert, aber auch sehr lustig“, erklärt Anne Karin, und ergänzt: „Sie können auch richtig eigensinnig und gemein sein.“ Wer Ziegen halte, brauche entweder sehr verständnisvolle Nachbarn oder gar keine, meint sie. Die Leim-Alm hat keine Nachbarn, nur steile Wiesen, Wälder und zwei Pferde. Die 69 Ziegen mit derzeit 15 Jungtieren produzieren täglich Milch für bis zu acht Kilogramm Bio-Ziegenkäse, den Anne Karin mit wildem Oregano und Thymian von den umliegenden Wiesen würzt. Wiesenblumen dienen ihr zur Dekoration, wenn sie den Käse bei Verkostungen anbietet. Sie macht Hartkäse, Frischkäse und in Öl eingelegten Käse. Außerdem natürlich „Brunost“, ein typisches Produkt der Alm und der Region. Der Braunkäse wird aus Molke gewonnen, und die Norweger essen ihn gerne in Palatschinken mit Sauerrahm und Heidelbeeren. Der intensiv säuerliche Geschmack ist für mich gewöhnungsbedürftig.

 

Anne Karin beginnt den Tag gewöhnlich um sechs Uhr morgens, indem sie Feuer macht. Auf der Alm gibt es den Komfort einer Zentralheizung nicht. Etwa um sieben Uhr kommen die Ziegen zum Melken, meistens von selbst, manchmal muss sie sie rufen. Früher wurden alle Tiere mühsam mit der Hand gemolken, nun erleichtert eine Melkmaschine die Arbeit. Die Käseproduktion geht von früh am Morgen bis spät am Abend: „Wenn ich Glück habe, kann ich kurz einen Mittagsschlaf halten. Käse zu machen ist aber grundsätzlich eine Dauerbeschäftigung.“ Anne Karins Arbeitstag endet gewöhnlich um halb elf am Abend. Sie ist nicht nur Landwirtin, sondern vermarktet ihre Produkte auch selbst. Durch die Touristen kann sie die verschiedenen Käsesorten ab Hof verkaufen. Sie fährt außerdem zum Markt in Gudvangen am Nærøyfjord, das mit dem Auto knapp zwanzig und mit dem Boot über den Fjord knapp vierzig Kilometer entfernt ist. Anne Karin bietet inzwischen auch Kurse für die traditionelle Herstellung von Käse an. Sie will ihr Wissen weitergeben und dazu beitragen, dass das Handwerk weiterlebt. Über die Sommermonate ist sie ausgebucht: „Ich habe wenig Zeit für Urlaub und Reisen, ich kann mir derzeit nicht die Welt ansehen. Aber im Sommer kommt die Welt zu mir.“

 

Man spürt es – sie macht ihre Arbeit mit Leib und Seele. Sogar auf ihrer blauen Schürze sind Ziegen abgebildet. „Ich liebe es, mit den Ziegen hier auf der Sommeralm zu arbeiten. Ich mag das einfache Leben, das Melken. Ich bin nah an der Natur, und die Ziegen sind in einer Umgebung, die ihnen perfekt entspricht. Es ist außerdem viel interessanter, Käse zu produzieren als nur Milch“, erklärt sie. Ihre drei Töchter unterstützen sie, auch ihr Ehemann Harald, aber das meiste macht sie allein. Im Juli und August bleibt sie auf der Alm, die Ziegen grasen schon ab Juni dort oben und bleiben bis September. Anne Karin ist eigentlich Biologin. Wie man Käse macht, hat sie von ihrer Schwiegermutter gelernt. Die Familie Skjerdal macht schon seit Generationen Käse. Es gibt drei Töchter: Sigrid ist das „Sandwich“, sie studiert Journalismus und will im nächsten Sommer nach Nicaragua. Jetzt sitzt sie auf der Holzbank auf der Alm und albert mit ihrer jüngeren Schwester Stina herum. Die Skjerdals leben nicht allein von den Ziegen und dem Käse. In der Nähe ihrer Farm steht das Sommerhaus Bygningen mit zwölf Betten, das sie vermieten. Vom Wohnzimmer aus hat man einen grandiosen Blick über den Fjord. Auf der Veranda kann man schauen, schauen und der Stille lauschen.

 

Wiener Zeitung, November 2013

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