Die Frauen und der Gipfel

So beeindruckend die Leistungen von Bergsteigerinnen wie Gerlinde Kaltenbrunner oder Edurne Pasaban sind, so klar ist auch ein Befund: Sie sind im Profi-Alpinismus nach wie vor eine Minderheit, vor allem im Höhenbergsteigen. Beim Streben nach Rekorden gibt es aber kaum Unterschiede. Eva Maria Bachinger

 

„Wie können Sie es verantworten so gefährlich zu klettern? In jedem Moment könnten Sie abstürzen und ein Kind zuhause verliert seine Mutter.“ Die deutsche Kletterin Ines Papert steht nach ihrem Vortrag beim International Mountain Summit (IMS) in Brixen auf der Bühne und überlegt kurz, was sie auf diesen Vorwurf aus dem Publikum antworten soll. „Ich denke, passieren kann überall etwas, auch wenn ich über die Straße gehe. Wichtig ist, dass mein Kind eine zufriedene Mutter hat. Und das bin ich, wenn ich dem nachgehen kann, was ich gerne tue, klettern“, sagt sie. Dass Autofahren genauso gefährlich sei wie Klettern oder eine Tour auf einen Achttausender wird von Profibergsteigern gerne behauptet. Nun ist das Überqueren einer Straße nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung aber auf alle Fälle weniger riskant. Aber dieser Vergleich erlaubt den Bergsteigern der Tatsache des hohen Risikos und seinen Folgen auszuweichen. Wichtiger ist in diesem Zusammenhang aber, dass diese Frage nach der Verantwortung früher oder später fast immer kommt, vor allem wird sie Bergsteigerinnen gestellt. Papert pariert sie meist mit dem Hinweis, dass man auch ihre Kollegen fragen könnte. Doch der vierfache Vater Reinhold Messner oder Extremkletterer Stefan Glowacz, Vater von Drillingen, müssen sich selten rechtfertigen. Auch als Papert den Moderator Ernst Vogt bei einer Diskussionsrunde mit Männern und ihr direkt auffordert, kommt er dem nicht nach.

 

Viele gehen offenbar davon aus, dass ein Kind vor allem eine Mutter braucht und auf einen Vater eher verzichten kann. Nach dem Tod des Südtiroler Bergsteigers Karl Unterkircher, Vater von drei Kindern, oder des Salzburger Kletterers Harald Berger, der eine hochschwangere Lebensgefährtin zurückließ, wurde kaum Kritik laut. Er sei bei dem gestorben, was er am liebsten gemacht habe, er habe die Familie und die Berge geliebt, sagt Unterkirchers Witwe Silke Perathoner. Das trifft sicher zu und ist ein Trost angesichts des schmerzvollen Verlustes. Doch nicht nur unter den Hinterbliebenen ist erstaunlich viel Verständnis für männliche Abenteurer vorhanden, sondern auch in der Öffentlichkeit. Anders fällt das Urteil über bergsteigende Mütter aus. Als die Britin Alison Hargreaves 1995 auf dem K2 umkam, brach ein Sturm der Entrüstung los: Wie konnte sie nur so ein hohes Risiko eingehen, als zweifache Mutter? Und wäre die öffentliche Reaktion so anders, wenn heute, immerhin 16 Jahre später, eine Profibergsteigerin und Mutter verunglücken würde? Doch es gibt ohnehin kaum Mütter unter den Alpinprofis, die meisten sind kinderlos. Wie in vielen anderen Bereichen entscheiden sich Spitzenfrauen für die Karriere und gegen den Nachwuchs. Das kann man auf ein höheres Verantwortungsgefühl zurückführen und auch darauf, dass nicht alles mit der gleichen Intensität möglich ist. Es ist aber auch ein Zeichen dafür, dass Bergsteigerinnen mit Kinderwunsch Schwierigkeiten haben, einen Partner zu finden, der sie ins Abenteuer ziehen lässt und zuhause die Kinder versorgt. Und nicht zuletzt müssen sie aushalten, dass ihnen ein schlechtes Gewissen gemacht wird. „Natürlich ist es eine Belastung, riskante Routen zu gehen und zuhause ein Kind zu wissen“, räumt etwa der Bergsteiger Peter Habeler ein, aber ein „Entweder-Oder“ scheint es bei Männern nicht so zu geben wie bei Frauen.

 

Die Frage ist auch, wie weit die agierenden Frauen tief sitzende (männliche) Bilder darüber bestätigen, wie eine Frau sein sollte? Im deutschsprachigen Raum ist Gerlinde Kaltenbrunner die bekannteste Bergsteigerin, über die Alpinszene hinaus. Ihr Auftreten ist sympathisch, sie wirkt authentisch. Ihr Image ist das einer geradlinigen Oberösterreicherin, nah am Wasser gebaut und die nur eines im Sinn hat: Bergsteigen. Zuweilen wirkt sie brav und erinnert eher an ein Frauenbild der 50er-Jahre. Wenn sie in rot-weiß-karierter Bluse zwischen moosbewachsenen Bäumen im Schwarzwald Interviews gibt, erfüllt sie das Klischee einer Bergsteigerin in einer heilen Welt. Das mag auch ein Grund für ihre Beliebtheit sein: Die Bergwelt entspricht einer tiefen Sehnsucht nach Heil und Freiheit, gerade in einer Zeit der Krise. Doch ob Kaltenbrunner, die auf dem Berg so kompetent, stark und autonom wirkt, unten im Tal dem Frauenalpinismus so viel Gutes tut, darf bezweifelt werden. Nach einem Vortrag in Klagenfurt bewundert ein Alpenvereinsfunktionär vor dem Publikum ihre Leistungen, „und du bist trotzdem so weiblich und feminin. Wie geht denn das?“ Anstatt nach seinem arg klischeehaften Frauenbild zu fragen und darauf hinzuweisen, dass man feminin und stark sein könne, lächelte Kaltenbrunner nur unsicher und schwieg. Auffallend ist auch, dass sie bei TV-Interviews oft nicht allein auftritt, sondern in Begleitung ihres Mannes Ralf Dujmovits. Wie im September im ZDF-Sportstudio, das bis zu 2,3 Millionen Zuseher verfolgen, wo sie viel lächelte und er mehr redete als sie. Sie ließ es geschehen, obwohl sie gerade den K2, den schwierigsten Achttausender, bestiegen hatte, und nicht er. In einem SWR-Interview wurde sie wieder einmal gefragt, wie sie am Berg aufs Klo gehe (will man das auch von Männern wissen?), und Dujmovits erklärte, wie sie das so macht. Nicht zuletzt durch Denker wie Messner oder den streitbaren Schweizer Bergsteiger Oswald Oelz erwartet man sich von Alpinisten mehr Reflexionsvermögen als von anderen Sportlern, ein Hinterfragen des eigenen Tuns, gerne auch mit Humor. Bergsteigen sei nicht nur Sport, betonen viele. Vielleicht ist man auch deshalb erstaunt, dass sich Kaltenbrunner in der Hinsicht nicht hervortut. Ihre populäre Position würde viele Chancen bieten, auf Missstände im Expeditionstourismus hinzuweisen oder sich für andere Frauen stark zu machen oder für die bedrohte Natur.

 

Der mediale Fokus auf Kaltenbrunner begründet sich natürlich aus der ungebrochenen Faszination der Achttausender, doch ein Blick auf Alpinistinnen wie Ines Papert, die US-Amerikanerin Steph Davis oder die spanische Kletterin Daila Ojeda würden mitunter modernere Frauenbilder transportieren. Es ist kein Zufall, dass es sich hier um Kletterinnen handelt: Der Frauenanteil ist im Klettersport deutlich höher als beim Höhenbergsteigen. Auch bei den Funktionären dominieren nach wie vor Männer, obwohl der Frauenanteil bei den Mitgliedern 47 Prozent (Naturfreunde) und 40 Prozent (Alpenverein) beträgt. Ihre nach wie vor mangelnde Präsenz wurde auch beim IMS im Oktober deutlich. Nur einmal war das Podium weiblich besetzt, beim Thema Frauenalpinismus. Ging es um andere interessante Themen wie „Spiritualität und Berge“ oder „Showalpinismus“, waren die Runden zu 100 Prozent männlich. Das IMS-Team bemüht sich bei jedem Programmpunkt, zumindest eine Frau zu gewinnen. „Das zu erreichen ist aber nicht einfach. Es gibt derzeit noch wenige bekannte und leistungsstarke Bergsteigerinnen. Deswegen werden wir immer mehr Bergsteiger auf der Bühne stehen haben“, sagt Mitorganisator Markus Gaiser. Und sein Kollege Alex Ploner: „Wenn wir auf der Suche nach geeigneten Diskussionsteilnehmern sind, fragen wir in der Szene herum. Es werden uns leider selten Frauen genannt“.

 

Erschienen in den Salzburger Nachrichten am 3. Dezember 2011

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