Gemeinsam lernen, gemeinsam gebärden

Was Österreich nicht schafft, gibt es in Äthiopien und Burkina Faso: inklusive Schulen, wo Kinder und Lehrer – ob hörend oder nicht – Gebärdensprache lernen.

Eine Behinderung bedeutet nicht Unfähigkeit“, sagt Mekonnen Manaye. Der Sonderpädagoge an der „Del Bitigel“-Schule in Addis Abeba ist der lebendige Beweis dafür: Voll Begeisterung spricht er über die Kinder, während er durch das Schulgelände führt: „Hier müssen wir noch eine Rampe bauen“, meint er, „dort drüben gibt es sie schon.“ Im Alter von fünf Jahren stürzte er selbst eine Stiege hinunter, seitdem ist ein Bein steif. Er geht zwar stark hinkend, aber flott mit einer Krücke. Seine Eltern wollten ihn in die Schule schicken, doch der Direktor verweigerte. Erst die Schule, wo er heute unterrichtet, hat ihn aufgenommen. Da war er bereits zehn Jahre alt und das einzige Kind mit einer Behinderung. Heute gibt es nicht nur Rampen an der Schule mit ihren rund 2800 Kindern, sondern auch noch eine weitere Barrierefreiheit: Ausnahmslos alle Kinder und Lehrkräfte lernen die Gebärdensprache. Betritt man eine Klasse mit rund 50 Kindern aller Altersstufen, so erkennt man nicht auf Anhieb, wer gehörlos ist oder nicht. Mit schnellen Handbewegungen sprechen auch die Hörenden synchron – nicht nur direkt im Gespräch mit Gehörlosen, sondern immer im Unterricht.

 

Aufholbedarf in Österreich. Äthiopien hat zumindest hier gegenüber Österreich einen Vorsprung: Hierzulande gibt es solche inklusiven Schulen nicht, sondern nur reine Gehörlosenschulen oder einzelne, inklusive Klassen, wo allerdings mit Erfolg Deutsch und Österreichische Gebärdensprache (ÖGS) unterrichtet wird. Der Zugang zu inklusiven Schulen ist in der UN-Konvention für Menschen mit Behinderung, die sowohl Österreich als auch Äthiopien ratifiziert haben, rechtlich verankert. Hierzulande ist die ÖGS zwar seit 2005 als eigenständige Sprache verfassungsrechtlich anerkannt, doch sie gilt nicht als Unterrichtssprache. In Kärnten hat das zu dem kuriosen Fall geführt, dass der Landesschulrat festhalten musste, dass die Gebärdensprache schulrechtlich weder eine Mutter- noch Unterrichtssprache sei. Die Eltern wollten erwirken, dass ihre gehörlose Tochter mit Hilfe eines Dolmetschers Prüfungen in der Gebärdensprache ablegen darf, doch das war nicht möglich. Im Ministerium werde daran gearbeitet, das Schulgesetz zu adaptieren, heißt es. Der UN-Ausschuss für Rechte von Behinderten verwies erst im September 2014 darauf, dass Österreich mit der schleppenden Umsetzung auch die Kinderrechtskonvention verletze. Die derzeit vorgesehenen Maßnahmen im „Nationalen Aktionsplan Behinderung 2012-2020“ seien „eindeutig nicht ausreichend“.

 

„Der Wert von Mehrsprachigkeit und die große Ressource der Gebärdensprache wird von vielen hörenden Menschen einfach nicht gesehen“ Dr. Verena Krausneker.

 

Die Skepsis gegenüber der Gebärdensprache hängt damit zusammen, dass man lange glaubte, die Kinder würden die Lautsprache nicht gut erlernen können. „Doch so ist es nicht: Kinder, die in Laut- und Gebärdensprache aufwachsen, schneiden in beiden Sprachen besser ab“, betont die Linguistin Verena Krausneker. Da in Österreich die meisten gehörlos geborenen Kinder operiert werden und eine Hörprothese (Cochlea-Implantat) erhalten, um sie in die Regelschule einzuschulen, fristet die ÖGS im schulischen Feld ein stiefmütterliches Dasein. „Der Wert von Mehrsprachigkeit und die große Ressource, die ÖGS für einen nicht-hörenden Menschen darstellt, wird von vielen hörenden Menschen nicht gesehen“, so Krausneker, die an der Universität Wien ein EU-gefördertes Projekt über gebärdensprachlich-bilingualen Unterricht in Europa leitet. Gebärdensprach-kompetente Lehrer seien derzeit in der absoluten Minderheit, gehörlose Personen fungierten oft als Hilfspersonal.

 

An der „Del Bitigel“-Schule in Addis Abeba könnte Österreich lernen, wie gut es gehen kann. „Ich bin so froh, hier mit den anderen Kindern zu lernen und zu sprechen“, gebärdet der zwölfjährige Mabetamu Kupyalwew. „Ich fühle mich dann so normal und vergesse meine Gehörlosigkeit.“ Auch in der Hauptstadt von Burkina Faso, in Ouagadougou, gibt es mit dem Schulverein CEFISE eine inklusive Schule: Hörende und Gehörlose, Kinder im Rollstuhl oder mit Lernschwierigkeiten werden von der Vorschule bis zum Abschluss gemeinsam unterrichtet. Mittlerweile hat sich in der Stadt herumgesprochen, wie fördernd der Unterricht auch für nicht eingeschränkte Schüler ist. Durch das Wiederholen des Stoffes in der Gebärdensprache lernen sie gründlicher und schneiden dadurch besser ab als in normalen Schulen. Wo früher Skepsis herrschte, gibt es heute eine lange Warteliste.

 

„Inklusive Bildung ist einfach der beste Weg zu einem inklusiven Leben“, meint Mekonnen Manaye. Doch so positiv die Barrierefreiheit an einzelnen Schulen ist, der Weg bis hin zur Schule ist noch nicht behindertenfreundlich, weiß Ephrem Taye von der NGO „Licht für die Welt“, welche die Schulen unterstützt. In Äthiopien behindert zu sein, bedeutet häufig noch, versteckt zu werden – aus Scham und Hilflosigkeit. Das Leben ist für die meisten Menschen hart, aber für sie ist es noch härter: Zwischen hupenden Autos versucht eine gehbehinderte Frau in Addis Abeba, die Straße zu überqueren. An ihren Händen trägt sie türkisfarbene Flipflops, auf allen vieren kriecht sie an den Autos vorbei. Im öffentlichen Raum fehlen Rampen, von barrierefreien Bussen ganz zu schweigen. Leben in Armut ist vorgezeichnet In der Region Woliso, 110 Kilometer südwestlich von Addis Abeba, leben 225.000 Menschen, 1686 davon haben offiziell eine Behinderung, die Dunkelziffer ist weitaus höher. Etwa 90 Prozent der Kinder mit Behinderung gehen derzeit in Äthiopien nicht zur Schule, schätzt der Psychologe Demelash Bekele. Ihr Leben in Armut ist vorgezeichnet. „Integration muss durch die gesamte Gemeinschaft getragen werden“, sagt er, „deshalb ist Aufklärungsarbeit eine der wichtigsten Aufgaben, bei Eltern, Nachbarn und Lehrern.“ Dazu eignen sich Kaffeezeremonien gut: Stundenlang werden Bohnen geröstet, gemahlen und zu Kaffee gebraut, während ein Betreuer den Gästen Basiswissen über Behinderung vermittelt. Er klärt sie etwa darüber auf, dass eine Behinderung nicht mit Weihwasser und Wunderheiler geheilt werden kann und schon gar kein Dämon oder eine Strafe Gottes ist.

 

Äthiopien, das im Vergleich zu seinen Nachbarn Südsudan, Somalia und Eritrea relativ stabil ist, kooperiert als langjähriger Partner der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit. Vorläufig wurde das Budget für 2015 nicht (wie im Vorjahr) gekürzt. Es sind Gelder, die dem zwölfjährigen Mabetamu und vielen anderen Kindern eine Chance geben. Erschienen in Die Furche, April 2015

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