Der letzte Märchenwald

Wälder, die an Märchen erinnern, sind rar geworden. Aber es gibt auch in Österreich noch Urwälder: In Niederösterreich liegt der streng geschützte Rothwald, in den Nationalparks sowie in rund 200 Naturwaldreservaten gibt es Urwaldreste. Die Finanzierung dieser Reservate ist aber ungewiss.

 

Die Buche ist etwa 50 Meter hoch und 300 Jahre alt. Ihr Stamm ist mit hellgrünem, weichem Moos bewachsen und steht fest in einem märchenhaften Wald. Ein Tausendfüßler kringelt sich auf einem Baumstamm, der auf dem Boden vermodert. Man wird ehrfürchtig in so einem Wald, der wie eine grüne Kathedrale wirkt. Der hohe Anteil an Totholz ist ein Kennzeichen für Urwald. „Die fremdartigen, mitunter fast monströsen Formen der Altbäume mit ihrem Moos-, Pilz- oder Flechtenbewuchs fallen besonders auf“, sagt der Naturfotograf Matthias Schickhofer, der viele Urwälder besucht hat. Hier ist der volle Lebenskreislauf im Gange: Bäume in allen Alterstufen, alte, die absterben und umfallen, liegen bleiben, daneben gedeiht neues Leben. Das Schauspiel gibt eine Ahnung davon, wie ein Wald wirklich aussieht. Ein europäischer Urwald ist ein einmaliges Ökosystem mit seltenen Vogelarten und – wenn er groß genug ist – mit den großen Jägern Bär, Wolf und Luchs. Das Totholz ist Heimstatt für etwa 1350 Käferarten: Den Alpenbock etwa, einen blau schillernden Käfer mit extravagant langen Fühlern, oder den Hirschkäfer findet man hier. Der pechschwarze Alpensalamander fühlt sich ebenso wohl wie Specht oder Fledermaus.

 

Der Mensch nutzt den Wald seit Jahrtausenden. Urwälder aber würde man im dicht besiedelten Mitteleuropa nicht mehr vermuten. Obwohl sie bereits sehr zurückgedrängt sind, gibt es sie noch – auch in Österreich. In engen Schluchten, verborgenen Hängen und in Mooren. Der Rothwald in Niederösterreich ist der größte Urwald im gesamten Alpenbogen: Rund 400 Hektar Wald bleiben seit der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren sich selbst überlassen. In der Gegend herrscht raues Klima und der Landstrich wurde nicht besiedelt, auch die Holznutzung war lange Zeit zu schwierig. Als im 19. Jahrhundert dann massive Rodungen einsetzten, kaufte der Gutsbesitzer Albert von Rothschild den letzten Rest auf und stellte ihn unter Schutz. Wald ist zwar grundsätzlich für alle frei zugänglich, doch im Rothwald gilt ein Betretungsverbot. Ausnahme: Forscher und Ranger.

 

Weniger als ein halbes Prozent der Wälder in Österreich sind heute in einem Naturzustand, etwas mehr als drei Prozent werden eingeschränkt genutzt. Also: 97 Prozent des gesamten Walds in Österreich werden bewirtschaftet. Urwaldreste oder Wälder, die man wieder verwildern lässt, findet man auch in den 195 Naturwaldreservaten (NWR), die zwischen 20 und mehr als 100 Hektar groß sind. Ein richtiger Urwald braucht eine gewisse Größe: „Mindestens 50 Hektar, denn sonst wäre der Wald kein in sich geschlossenes Ökosystem. Die Stopfenreuther Au im Nationalpark Donauauen etwa ist kein Urwald wie der Rothwald. Die Donau wurde begradigt und gestaut, das hat einen unmittelbaren Einfluss auf den Auwald. Nur weil es für uns urig ausschaut, heißt das nicht, dass es ein Urwald ist“, sagt Hubert Hasenauer von der Universität für Bodenkultur in Wien.

 

1995 wurde unter Minister Wilhelm Molterer das Programm „Naturwaldreservate“ (NWR) ins Leben gerufen. „Es ging mir um Naturschutz, das ist klar. Die Natur ist aber auch unser Lehrmeister. Indem Flächen außer Nutzung gestellt werden, können wir sehen wie sich Wälder ohne menschlichen Einfluss entwickeln. Wir können so Nachhaltigkeit lernen“, so Molterer heute. Ein Viertel der Reservate ist im Besitz der Bundesforste, bei anderen wurden Verträge mit privaten Eigentümern abgeschlossen. Die Laufzeit von 20 Jahren sorgte für Sicherheit, denn die Besitzer erhielten für die Nichtnutzung ein jährliches Entgelt, erklärt Georg Frank, Leiter des Programms. Mit jedem Besitzer ist er im ständigen Kontakt, er reist viel durch ganz Österreich. Das Programm hat europaweit Vorbildcharakter. Doch um die Zukunft dieser Schutzgebiete sei es nicht gut bestellt, meint Michael Johann, Waldbesitzer, von den Grünen Bauern in Kärnten. Aus Spargründen plant das Ministerium einen Teil der Finanzierung in den EU-Topf „Ländliche Entwicklung“ zu verlagern. Der Bund müsste dann nur noch 30 Prozent beisteuern, die Länder 20 Prozent. „Das Ansuchen um eine EU-Förderung bedeutet für die Waldbesitzer mehr Aufwand und Unsicherheit. Jetzt gibt es mit dem Bund einen Zuständigen, dann elf, wenn Länder und EU mitzahlen müssen. Außerdem ist ein Vertrag einklagbar, eine Förderung kann gestrichen werden“, befürchtet Johann. Erste Verträge enden bereits 2016. Wenn sie gekündigt werden, um den Posten teils ins EU-Budget zu verlagern, könnten einige aussteigen und ihren Wald wieder nutzen. „Dann wären die Bemühungen der vergangenen 20 Jahre, um diesen Naturschatz zu schützen, vergeblich gewesen.“

 

Gerhard Mannsberger, Sektionschef im Ministerium, findet die Kritik „völlig unbegründet“. Minister Andrä Rupprechter wolle das Programm sogar erweitern. Derzeit handelt es sich in Summe um eine Fläche von rund 8400 Hektar – so groß wie ein Nationalpark – , 10.000 Hektar sind das Ziel. „Ich würde mich auf nationale Budgets nicht mehr so verlassen. Die EU-Mittel sind unsere einzige Chance, das Programm zu erhalten und die Erweiterung zu schaffen.“ Zudem müssten nicht alle privaten Besitzer wechseln, wo es durch zu kurze Laufzeiten nicht gehe oder das Gebiet nicht den Förderkriterien entspreche, würde weiterhin der Bund zahlen. „Niemand wird in einen Förderungsstrudel hineingeschickt.“ Um Unsummen geht es wahrlich nicht: Das Budget umfasst pro Jahr nur eine Million Euro.

 

„Das sind etwa fünf Mähdrescher“, rechnet Peter Ecker vor, Obmann des burgenländischen Urbarialvereins Neckenmarkt mit 285 Mitgliedern, der einen Eichen-Buchen-Wald besitzt. In dem Gebiet liegt das erste Naturwaldreservat „Lange Leitn“. Ecker führt stolz durch den Wald, der seit 80 Jahren nicht mehr genutzt wird. „Hier sieht man, wie sich alles entwickelt. Wir haben sogar Smaragdeidechsen.“ Für weniger gute Stimmung sorgt die Unsicherheit, wie es weitergehen soll, und eine Ausweisung des Walds als Natura-2000-Gebiet. „Das wurde vom Land einfach verordnet, eine Tafel aufgestellt und das war’s. Wofür das gut ist, hat mir noch keiner gesagt, auch nicht, wie wir den Wald nun noch nutzen dürfen.“ An dem Beispiel sieht man: Wesentlich beim erfolgreichen Naturschutz ist die Einbeziehung der Grundbesitzer.

 

Schwierig ist in der Hinsicht die Situation in Natura-2000-Gebieten: Die Richtlinien zu diesem EU-Programm sollen bestimmte Tier- und Pflanzenarten schützen. Urwälder sind im EU-Recht nicht explizit geschützt. Auch in Natura-2000-Gebieten ist ihre Nutzung erlaubt, zu einer Verschlechterung des Ökosystems soll es nicht kommen. Ein Widerspruch: Wird ein Urwald genutzt, kommt es unweigerlich zu Einschnitten im fragilen Gefüge. Österreich hat derzeit ein Vertragsverletzungsverfahren am Hals, weil zu wenige Gebiete nominiert wurden. Andere EU-Länder seien auch betroffen, aber nicht so massiv wie Österreich, sagt Mathilde Stallegger vom Umweltdachverband. Kommt Österreich den Vorgaben nicht nach, drohen Strafzahlungen in Millionenhöhe. Bis Ende September müssen die Länder Dutzende Gebiete nominieren, allein in Salzburg werden rund 20 empfohlen. Verhandlungen mit den Besitzern laufen. Wie schwierig das ist, zeigt eine Aussage in einer Zeitungsbeilage der Firma Schweighofer: „Den Erschwernissen bei der Waldbewirtschaftung oder gar bei der Außer-Nutzung-Stellung von wertvollen Wirtschaftswald- flächen ist entgegenzuwirken. Denn nur ein genutzter Wald ist ein geschützter Wald.“

 

Fährt man durch das Land, sieht man viel Wald. 47 Prozent der Fläche Österreichs ist bewaldet, jährlich wächst der Wald um 7000 Hektar. „So positiv der Zuwachs ist“, meint Experte Hasenauer, „so muss doch erwähnt werden, dass etwa zehn Prozent des heutigen Wirtschaftswalds aufgrund der Bewirtschaftung einen zu hohen Nadelholzanteil haben.“ Das geschulte Auge er- kennt Wirtschaftswald oder Naturwald, Kahlschläge oder ökologische Nutzung, wo nur einzelne Bäume geholt werden. Die Wälder rund um Admont in der Steiermark sind mit vielen Kahlschlägen ein unansehnliches Beispiel, die Wälder um das Stift Aigen-Schlägl im Mühlviertel hingegen zeigen das nachhaltige Know-how des 900 Jahre alten Klosters. Auch in der Waldwirtschaft gibt es Gütesiegel, die eine naturnahe Bewirtschaftung versprechen. Zum Beispiel FSC (Forest Stewardship Council) – Ikea und Kronospan schmücken sich damit. Auch alle von Schweighofer in Rumänien bewirtschafteten Wälder sind FSC-zertifiziert. „Es ist das beste Gütesiegel in dem Bereich, das ich kenne“, so Bernhard Kohler von WWF. Sinnvoll ist das Gütesiegel zum Beispiel in Südamerika. Es garantiert, dass Holz nicht aus Raubbau stammt, sondern aus „sozial- und umweltverträglicher Waldwirtschaft“. Holzbriketts von Schweighofer tragen auch das österreichische Umweltzeichen, verliehen von Ex-Minister Nikolaus Berlakovich. Doch weder das eine noch das andere garantieren, dass das Holz nicht aus europäischen Urwäldern stammt.

 

Laut einem Greenpeace-Bericht befinden sich nur noch auf 6,4 Prozent der Fläche Europas intakte Wälder. Die letzten großen Urwälder der EU gibt es in Finnland, Schweden und in Rumänien. Erstaunlich ist, dass sich nur 15 Prozent der Urwälder in streng geschützten Gebieten befinden. Der Rest ist quasi Freiwild. Im Semenic-Nationalpark in Rumänien steht ein Rotbuchen-Urwald, der seit etwa 6000 Jahren unberührt ist. Die Bäume sind dort bis zu 500 Jahre alt. Doch es herrscht Goldgräberstimmung und dieser Wald wird nicht geschont. Aber es gibt auch ein Beispiel aus Niederösterreich: Der Oiswald liegt in einem Natura-2000-Gebiet in der Nähe des Rothwalds und ist in 10.000 Jahren nur ein Mal genutzt worden – vor 250 Jahren. Ein Teil des Walds ist durch ein Naturwaldreservat geschützt. Da der gesamte Wald als schutzwürdig gilt, sollte er in das Wildnisgebiet Dürrenstein integriert werden. Doch der Plan scheiterte am Geld. Nun gibt es eine Forststraße, an den Hängen wird geschlägert. Im Büro von Landesrat Stephan Pernkopf sieht man durch die Nutzung keine Verschlechterung des Walds. Hier geht es an den Kern des Problems: Will man Urwald wirklich schützen, muss man den Besitzern die Nichtnutzung zahlen, sonst wäre es Enteignung – oder den Grund aufkaufen. Hier Geld in die Hand zu nehmen, ist eine politische Entscheidung.

 

Abholzung in Rumänien

 

Die letzten großen Buchen-Urwälder der EU liegen in Rumänien. Durch Abholzung gehen sie unwiederbringlich verloren. Ein Lokalaugenschein.

 

Die Erde ist aufgeweicht und durchwühlt: Ein schwerer Schlepper hat tiefe Fahrspuren hinterlassen. Am Hang wurde geschlägert, nur einzelne dünne Bäume blieben stehen, auch auf dem Berghang gegenüber. Die Stämme der Buchen und Fichten werden gerade von zwei Arbeitern sortiert und auf einen Lkw verladen. Neben einer Forststraßen-Kreuzung steht eine blaue Tonne, gefüllt mit einer gelben, stinkenden Flüssigkeit, eine Plastikflasche schwimmt darauf. All das brütet in der Mittagshitze.

 

Das Grundstück liegt neben den Nationalparks Retezat und Domogled in Rumänien und gehört zu einem Urwald, der sich im 86.000 Hektar großen Natura-2000-Gebiet „Nordul Gorjului de Vest“ befindet. Der Wald wird hier in Nutzwald umgewandelt. Das ist das gute Recht des Grundbesitzers, auch in einem Natura-2000-Gebiet. Nur: Urwald geht damit unwiederbringlich verloren. Cascade Empire, die Akquisitionsfirma des österreichischen Unternehmens Schweighofer Holzindustrie, hat das Waldgebiet gekauft. Auf der Website ist zu lesen, dass Schweighofer Forststraßen nach „umweltschonenden Methoden“ errichten würde. Doch die Straßen seien hier nicht nachhaltig angelegt, erklären drei dazu befragte Experten. Auch die Bewirtschaftung sei nicht naturnah, weil die Bäume flächig geschlägert würden und keine „geregelte Hiebsführung“ zu erkennen sei. Die einzelnen Bäume, die noch stünden, seien zufälligerweise so übrig geblieben. „Alle in Rumänien von uns gekauften und selbst verwalteten Wälder sind FSC-zertifiziert, und eine Nutzung abseits gesetzlicher Grundlagen ist völlig ausgeschlossen“, betont Gerald Schweighofer. Es gebe zudem einen Wirtschaftsplan, so wie für jede Waldfläche in Rumänien.

 

Schweighofer ist mit rund 2500 Mitarbeiter der Marktführer in der Holzverarbeitung in dem EU-Land: In 70 Länder wird exportiert, der Umsatz beläuft sich im Bereich Holz jährlich auf rund 500 Millionen Euro. Die Firma betreibt vier Produktionsstätten. Das Holz stammt aus Rumänien und aus der Ukraine. Pro Jahr beträgt der Einschnitt 2,9 Millionen Kubikmeter. Ein fünfter Standort in Reci ist derzeit in Bau. Doch es gibt Misstöne: Das Umweltamt im Kreis Covasna hat keine Umweltverträglichkeitsprüfung verlangt, die Genehmigung wurde just am 24. Dezember 2013 ausgestellt. Die Anwältin Cătălina Rădulescu hat Klage beim Verwaltungsgerichtshof in Bukarest eingereicht. Schweighofer erklärt hingegen, dass die „erteilte Umweltgenehmigung in vollem Umfang gültig war und ist“. Zwei Mal kam es vor Ort zu Protesten, eine Petition fordert den Baustopp. In einem aktuellen Bericht über Landnutzung kritisiert die NGO Fian die Firma, weil durch die Sägewerke Kleinunternehmer verdrängt werden würden.

 

Ein Drittel der Fläche Rumäniens ist bewaldet: Das sind 80.000 Quadratkilometer – eine Fläche so groß wie Österreich. Nur noch drei Prozent davon sind Urwälder. Laut Satellitenauswertungen sind von 2000 bis 2011 rund 280.000 Hektar Wald kahl geschlagen oder stark dezimiert worden. Auch Nationalparks bieten nur bedingt Schutz: Von der höchsten Erhebung des Semenic-Nationalparks im Südwesten sieht man bis zum Horizont nur Wald: facettenreich, dicht und wild. Zwei Adler steigen gerade auf und lassen sich wieder fallen. Abgeholzt wird knapp an der Grenze und innerhalb des Parks. Beweise sammelt ein Dorfbewohner: Im Schutz eines Helms folgt er auf dem Motorrad den Spuren der Holzfäller und hält alle Kahlschläge auf Karten fest. Als er uns zu einer Lichtung führt, geben die Baumstümpfe eine Ahnung davon, wie groß die Bäume hier einmal waren. Manche wurden mit Reisig und Laub zugedeckt. Auf einer Forststraße an der Parkgrenze steht ein Lkw, schwer beladen mit Baumstämmen. Die Arbeiter sind aus Moldawien und wohnen in einem Waggon. Auf einer Platte über einem Lagerfeuer stehen Kochtöpfe, eine Suppe köchelt vor sich hin. Für heute ist ihre Arbeit erledigt. Der Lastwagen fährt los.

 

Da die Behörde Zertifikate für den Einschlag in Semenic ausstellt, ist das Vorgehen legal: „Der staatliche Besitzer, Romsilva, vergleichbar mit den Bundesforsten, hat kommerzielle Nutzungsinteressen und nicht nur den Auftrag, den Park zu schützen und Bildungsarbeit zu leisten“, so Gabriel Paun von der NGO Agent Green. Die EU ist noch nicht aktiv: „Solche Fragen sollten von den nationalen Behörden, die in erster Linie für die Umsetzung des EU-Rechts verantwortlich sind, untersucht werden. Bisher wurde offiziell auch keine Beschwerde bei der Kommission eingereicht“, erklärt Joe Hennon, Sprecher des Umwelt- kommissars Janez Potočnik. Sollte eine Beschwerde die Kommission erreichen, werde man das genau untersuchen.

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