Kuschelige Wärme zu einem hohen Preis

Daunen wärmen wunderbar, sind ein extrem leichtes Füllmaterial und liegen voll im Trend. Doch wenn bekannt wäre, wie sie vielfach noch gewonnen werden, würden wohl viele modebewusste einem synthetischen Füllmaterial den Vorzug geben.

 

Übernachten auf 2.100 Meter im Freien: Die Temperatur liegt nur knapp über Null Grad Celsius, die Nacht ist sternenklar. Wie gut, wenn man einen Daunenschlafsack hat, in dem man sich im Zelt hineinkuscheln kann und es trotz der Kälte schön warm hat. Doch Daune ist nicht gleich Daune. Und angesichts von Berichten der Tierschutzorganisationen ist vielleicht Polyethylen besser als Daune. Doch ein Synthetikprodukt soll ökologischer sein als das Naturprodukt Daune? Geflügelexperte Marcus Müller von der Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" meint, dass die Gänsedaunen, die vor allem bei Outdoorprodukten verwendet werden, oft weit entfernt von Natur und Qualität seien: Großteils würden sie aus Massentierhaltung und aus der Stopfleberproduktion stammen, der Wasserverbrauch und die Wasserverschmutzung dieser Farmen seien enorm. „In diesen wirklich grausigen Farmen können die Tiere kein gutes Federkleid entwickeln, es ist zu warm und bei Stopfgänsen ist der Fettgehalt der Federn zu hoch“, so der Tierschützer. Eine besonders schlimme Tierquälerei sei der Lebendrupf der Gänse: Rupftrupps reisen von Farm zu Farm und arbeiten in Akkord. Die Gänse werden fixiert und bis zu vier Mal in ihrer Lebenszeit gerupft.

 

Kurt Kotrschal, Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau oder Wolfsforschungsstation Ernstbrunn betont, dass Lebendrupf zum höchsten, messbaren Stresshormonspiegel bei Gänsen führt, Schmerzen und blutige Verletzungen seien die Folge. Offene Wunden werden sofort ohne Narkose grob vernäht, ergänzt Müller. Bei tausenden Gänsen in einer Farm erstreckt sich dieser Vorgang über mehrere Tage. Der Lebendrupf ist in der EU verboten, aber der Handel mit den Federn nicht. Zudem ist der sogenannte Mauserrupf erlaubt: „Knapp vor der Mauser, wenn die Federn drauf und dran sind, von selber auszufallen, wäre der Lebendrupf vertretbar, aber dieser Zeitpunkt ist nicht einfach zu erwischen, auch wenn die großen Gänsemastbetriebe etwa in Ungarn und Polen dies behaupten, sich danach zu halten“, so Kotrschal. "Vier Pfoten" ist deshalb für ein Totalverbot und plädiert dafür, dass der Rupf direkt beim Schlachthof am toten Tier durchgeführt werden soll.

 

Die Outdoorfirmen sind merkbar zurückhaltend bei dem Thema: Auf Anfragen bei Schöffel, Vaude, Northland, Patagonia wird zwar reagiert, aber das Thema sei umfassend und kompliziert und könne nicht in einem Email oder bei einem Telefonat erklärt werden. North Face reagiert gar nicht. Der Grund für eine prinzipielle Zurückhaltung liege möglicherweise am Vorgehen der Tierschutzorganisationen, meint ein Firmenvertreter. „Wir verwenden ausschließlich graue Entendaune und weiße Gänsedaune aus Polen, Russland und China“, so Vaude und stimmt auf der Firmenhomepage ein Loblied auf die Daune an: „Daunen sind ein Naturprodukt, ein „nachwachsender Rohstoff“ und biologisch abbaubar. Sie sind ein Abfallprodukt der Lebensmittelindustrie. Das alles macht sie neben ihren hervorragenden technischen Eigenschaften auch ökologisch sehr effizient.“ Die Firma betont, dass sie nur Daunen von geschlachteten Tieren und nicht aus der Stopfleberproduktion verwenden würde.

 

Burkhard Felber, Prokurist bei Northland, lädt zu einem Besuch am Firmenstandort in Graz ein. „Das Daunenthema nehmen wir sehr ernst. Unsere Lieferkette ist transparent, vom Ente – und Gänsemastbetrieb über den Schlachthof, bis zum Daunenaufbereiter und letztendlich zur nominierten Bekleidungsfabrik. Northland kann garantieren, dass nur Daunen als Nebenproduktion der Fleischproduktion, also von toten Tieren, verwendet werden. Diese transparente Lieferkette kann auch durch Rechnungen der Zulieferer untereinander belegt werden. Unsere Daunenprodukte stammen ausschließlich aus asiatischer Produktion, wo Geflügel, denken Sie nur an die Pekingente, vor allem für die Fleischproduktion gehalten wird“, erklärt er. Dazu, dass "Vier Pfoten" sagt, selbst wenn Daunen von toten Tieren verwendet, diese bei den Großhändlern wieder mit anderen Daunen vermischt werden, meint Felber: „Innerhalb der gleichen Schlachtcharge ist das höchst unwahrscheinlich, es wird normalerweise kein junges Mastgeflügel gemeinsam mit „altem Geflügel“, das nicht aus der Mast stammt, geschlachtet.“

 

Wenn Firmen behaupten würden, dass die Daunen nur von Schlachttieren stammen würden, ist Marcus Müller skeptisch. Die Nachfrage gerade auch der Outdoorbranche verlangt große Mengen, die niemals nur von toten Gänsen stammen können. Eine tote Gans kann nur einmal gerupft werden, eine lebendige viermal. „Es wird behauptet, dass die Federn von handverlesenen Tieren sind, die zuhause beim Bauern ein schönes Leben hatten. Das ist Schwachsinn. Es wird gesagt, die Daunen seien sibirisch, arktisch oder isländisch. Das Problem: Dort gibt es gar keine Gänsezucht, bestenfalls Wildgänse! Wenn man genauer nach der Herkunft fragt, werden sie alle sehr einsilbig.“ Bei einem Großkonzern wie North Face würde ihn das nicht wundern, aber bei der Firma Patagonia, die sich gerne als besonders ökologisch gesinnt präsentiert, findet Müller die Intransparenz besonders schockierend.

 

Sonja Greimel von der von Patagonia beauftragten PR-Agentur reagierte jetzt mit einer Stellungnahme von Patagonia Europe, die allerdings fast ein Jahr alt ist. Darin heißt es: „Die Tatsache, dass wir Daune von zwangsernährten Gänsen verarbeiten, gefällt uns nicht. Wir arbeiten aktiv daran, eine Bezugsquelle für Daune zu finden, die weder aus Lebendrupf noch von zwangsernährten Gänsen stammt. Wir haben die Zuchtbetriebe und Schlachtereien besucht, die Vier Pfoten empfohlen hatte. Wir waren beeindruckt davon, was wir gesehen hatten, aber wir bezweifeln, dass diese Betriebe genügend Daune für unseren Bedarf produzieren können.“Vaude räumt zumindest ein, dass sie „leider bisher keine 100 % Kontrolle über die Bedingungen gewährleisten können, unter denen die Tiere gehalten und behandelt werden, von denen unsere Daune stammt. Wir werden deshalb eine unabhängige Organisation damit beauftragen, die gesamte Lieferkette unserer Daunen zu auditieren.“

 

Ein Gütesiegel, das Kunden die Orientierung erleichtern würde, sei derzeit unwahrscheinlich, meint Müller. „Einige hundert Farmen in Osteuropa betreiben keinen Lebendrupf und keine Stopfleberproduktion. Dem stehen rund 20.000 Farmen gegenüber, wo schreckliche Zustände herrschen“. Von Gütesiegeln hält auch Burkhard Felber von Northland nicht allzu viel: „Heutzutage kann sich jeder kann sich sein eigenes Gütesiegel machen, siehe Nahrungsmittelindustrie. Der Grund für die Einführung ist gut, aber es wird oft umgangen und zweckentfremdet. Wenn sich ein Kunde ernsthaft für die Produktionsbedingungen interessiert, wird er gerne von uns informiert.“

 

Auch wenn die Federn nicht von lebendigen Gänsen stammen, aus Massentierhaltung kommen sie allemal. „Artgerechte Gänsehaltung bedeutet, zumindest eine Gruppe von etwa vier bis fünf Tieren zu halten. Gerade für Gänse ist Freilandhaltung mit Zugang zu Wasser auf Grünflächen, die sie beweiden können, ideal. Man muss die ortstreuen Gänse auch nicht mit einem Zaun einsperren, höchstens zum eigenen Schutz gegen Fuchs & Co“, erklärt Kurt Kotrschal. Was also tun als Bergsteiger und Konsument? „Ich plädiere derzeit für den Kauf von Synthetik-Produkten, damit Druck auf die Branche entsteht und sich endlich was ändert“, meint Müller. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser: Ein kleiner Schnitt in den Schlafsack oder in die Jacke und die Farbe der Federn kontrollieren: Daunen aus der Stopfleber-Produktion könne man leicht erkennen, weil sie grau sind.

 

Erschienen in „Bergauf“ November 2012

 

P.S.: Laut einer Leserzuschrift gibt es noch eine Alternative: „Sie heißt Kapok - dies ist eine Pflanzendaune, die aus den Früchten des Kapokbaumes gewonnen wird. Sie zeichnet sich durch eine natürliche Wärme- und Feuchtigkeitsregulierung aus. Sie ist atmungsaktiv und extrem leicht. Im Internet sind Anbieter von Kapok-Daunenjacken zu finden. Das Leid der Gänse ist damit nicht nur ethisch unschön, sondern auch unnötig.“

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