Raus ins Freie

Wer sagt, dass Unterricht in geschlossenen Räumen stattfinden muss? Wer mit den Schülern rausgeht, tut ihrer Seele und ihrem Geist etwas Gutes, schreibt Eva Maria Bachinger und weckt vielleicht ihr Interesse am Erhalt der Natur.

 

 

Was waren das für Zeiten, als wir Nachbarkinder den ganzen Nachmittag am Bach in der Nähe gespielt haben. Durch den Wald gezogen sind, einem Heuschreck beim Hüpfen zugesehen und eine Kröte eingefangen haben. Wie wir mit blutigen Knien und schmutzigen Kleidern nach Hause gestürmt sind, Schneckenhäuser in den Taschen!


Heute wachsen die meisten Kinder nicht mehr so auf: „Kinder dürfen sich nicht mehr schmutzig machen. Manche der Kinder, die an unseren Exkursionen teilnehmen, erzählen uns, dass sie zum ersten Mal in einem Wald seien. Viele Kinder haben den Zugang zur Natur verloren“, meint Erika Dorn vom Nationalpark Donauauen.


Die Freizeitbeschäftigung Nummer Eins ist in Österreich das Fernsehen. 10- bis 19jährige sitzen täglich fast zwei Stunden davor, ein Viertel spielt täglich am Computer, im Schnitt eineinhalb Stunden, geht aus Daten der Statistik Austria hervor. Der Abschied der Kinder von der Natur ist nicht folgenlos: Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren verkümmern Bindungsfähigkeit, Empathie, Fantasie und Lebensfreude, schreibt US-Autor Richard Louv in seinem Buch "Das letzte Kind im Wald?". Kinder, die nur selten in der Natur sind, tendieren vermehrt zu Übergewicht, Diabetes, Haltungsschäden und Koordinationsstörungen, Allergien und psychischen Problemen.

 

Auch das Wissen über die Natur und damit die Anteilnahme an ihrem Schicksal geht verloren: „Die Schüler wissen wie das genetische Fingerprinting funktioniert, aber sie können eine Lärche nicht mehr von einer Fichte unterscheiden,“ sagen Pädagogen wie die Biologielehrerin Ulrike Ozlberger. Sie hat eine Methode gefunden, um den Naturbezug wieder herzustellen: Sie geht mit ihren Schülern hinaus.


Es ist nicht nur die Verdrängung der Natur durch den Menschen, die die Verbindung zu unserer Umwelt kappt, sondern auch die Angst der Eltern: Während unsere Großeltern stundenlang zu Fuß durch Wald und Wiesen in die Schule gehen mussten, werden Kinder heute mit dem Auto zur Schule kutschiert. Spielerisch und nebenbei könnten Kinder am Schulweg lernen, wann die Äpfel reif sind, wann welche Blumen blühen und welche Tiere schon vom Winterschlaf erwacht sind. Die Nachmittage sind mit Judokursen und Klavierstunden gefüllt, Muße und Freizeit haben nur wenige. Damit bleibt auch die Selbsterfahrung in der Natur auf der Strecke und womöglich sehr viel Kreativität und Lebensfreude: „Unser Hirn ist ein Sozialorgan“, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther von der Universität Göttingen. Wir lernen in Beziehungen: Das Gehirn stellt mit jeder Erfahrung neue neuronale Verbindungen her, je komplexer die Umgebung, je vielfältiger die Beziehungen, desto intensiver das kognitive Wachstum.

 

Aber es geht noch um mehr: Ob man als Kind Kontakt zur Natur hat oder nicht, beeinflusst die Liebe zur Natur und den Wunsch, sich für ihren Schutz zu engagieren, meint Barbara Tauscher, Leiterin des WWF-Umweltbildungsprogramms. Dabei geht es nicht vorrangig um die Vermittlung von Wissen. Entscheidend ist das fühlen, hören, spüren. Was man nicht kennt, schätzt man nicht und vermisst man auch nicht. Wer gerade noch den Gesang einer Amsel bestimmen kann, kränkt sich nicht, wenn er keine Braunelle oder keinen Grünling mehr hört. Wer keine positiven Erinnerungen an Tiere und Pflanzen hat, leidet nicht, wenn Gletscher schmelzen oder Bäume gefällt werden. Das Verschwinden und die Zerstörung fällt nicht mehr auf. Naturschützer wie Ulrich Eichelmann oder Matthias Schickhofer erklären ihr Engagement damit, dass sie als Kind eine frühe Prägung am Fluss bzw. im Wald erfahren haben.Umweltbewusstes Verhalten ist deshalb nur bedingt über Appelle der Politik und Medien zu erreichen. Der WWF schult jährlich bis zu 5.000 Kinder und Jugendliche draußen in der Natur. „Indem wir mit ihnen arbeiten, bilden wir nicht die Entscheidungsträger der Zukunft, sondern von heute. Ihre Möglichkeiten sind vielleicht durch das Verhalten der Eltern beschränkt, aber auch sie können beim Konsumverhalten, bei der Ernährung und am Schulweg eigene Entscheidungen treffen“, meint Tauscher.

 

In der Bildungsforschung weiß man, dass auch die Schule eine wesentliche Rolle bei der Vermittlung von Umweltwissen spielen kann. So fordern Bildungsforscher wie Mark Rickinson von der Oxford University mehr Engagement von den Lehrern. Es liegt bei ihnen, ob nur im Klassenzimmer unterrichtet wird oder auch draußen. Doch mit dem Engagement ist es bei allem guten Willen nicht immer getan: „Die Kinder kommen einfach nicht mehr raus. Viele sitzen stundenlang vor dem Fernseher. Die Folgen merkt man einfach. Die Schule kann, auch wenn das alle fordern und glauben, einfach nicht alles abfangen“, sagt Biologielehrerin Ulrike Ozlberger. Am WWF-Umweltbildungsprogramm beteiligen sich vor allem Volksschullehrer, Biologie- und Geografielehrer. Das Angebot lasse sich gut in den Unterricht integrieren und die Lehrer seien dankbar, dass ihnen die Organisation etwas abgenommen wird, berichtet Tauscher.

 

Ozlberger unterrichtet seit 37 Jahren am ORG Vöcklabruck. Sie ist so oft wie möglich mit ihren Schülern draußen unterwegs. „Sie sollen eine Au riechen, spüren, begreifen. Das ist enorm wichtig.“ Einmal im Jahr geht es für drei Tage ins Hintergebirge oder in den Nationalpark Donauauen. Sie sagt, es sei in den letzten Jahren schwieriger geworden, hinaus zu gehen: „Man muss die Themen abarbeiten und der Unterricht in der Natur ist nicht verpflichtend vorgesehen.“ Ein Ausflug nimmt Zeit in Anspruch, und Kollegen sehen es nicht gern, wenn Fächer dafür entfallen.

Die Systematik der Pflanzen und Tiere kommt der Pädagogin in den Lehrbüchern viel zu kurz, zumal sie immer weniger Grundkenntnisse bei den Kindern voraussetzen kann. „Man muss bei Null anfangen, was in der Oberstufe auch auf schwere Versäumnisse in der Unterstufe hin- weist“, sagt Ozlberger. Der Mangel an naturwissenschaftlichen Lehrern macht sich inzwischen bemerkbar. Die Fächer werden von Lehrern übernommen, die nicht dafür ausgebildet sind. Ozlberger erzählt von einem Erlebnis bei der letzten Exkursion: „Ein Schüler rief aus: ‚Frau Professor, das ist aber eine große Biene.‘ Doch es war eine Hummel! Die anderen haben es aber auch nicht besser gewusst. Da geniert sich auch niemand, und ich dachte mir nur ‚Halleluja!‘. Olzberger hat nicht mehr den Anspruch, alle Wissenslücken zu schließen. Ihr ist wichtig, dass ihren Schülern das Naturerlebnis in Erinnerung bleibt.

 

Kinder und Jugendliche beziehen ihre Naturkenntnisse zunehmend aus dem Internet. Diese Beobachtung macht Barbara Pack-Benedek, Biologielehrerin an der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik im burgenländischen Oberwart. Ihr Problem sind nicht die digitalen Medien an sich. Aber dass dieses Wissen nicht mehr auf Erfahrung bauen kann, macht ihr Sorge. Im Nationalpark gestalten zertifizierte Ranger das Programm, erklären den Jugendlichen Pflanzen und Tiere sowie ökologische Zusammenhänge – Erzählungen über die Natur, die von Eltern oder Großeltern inzwischen zu selten kommen. „Die Arbeiten und sportlichen Aktivitäten in Teams, die Lagerfeuerromantik, die interaktiven Spiele, die Sinnesspiele während der Exkursion fördern die Sozialkompetenz und die Klassengemeinschaft“, fasst Pack-Benedek ihre Erfahrungen zusammen. In den Donauauen können die Schüler einen ursprünglichen Auwald sehen, an den Schotterbänken Kleingetier beobachten, bei einer Bootsfahrt mit Glück einen Seeadler sehen oder eine Ringelnatter anfassen. In einem eigenen Labor werden Pflanzen bestimmt.

 

„Unser Auftrag ist Umweltbildung, aber auch Schutz der Natur. Wenn der Schwarzstorch brütet, sollte er durch Lärm einer Gruppe nicht gestört werden, sonst gibt er die Brut auf. Deshalb haben Besuchergruppen natürlich nicht überall Zugang“, erklärt Erika Dorn. Mehr als 20.000 Schüler besuchen jedes Jahr eines der Programme des Nationalparks.

Um die Natur zu entdecken benötigen Kinder aber kein perfektes Biotop: Es reicht auch ein Bach, ein Wäldchen in der Nähe oder für Jugendliche einfach eine „Gstettn“ wie Ozlberger meint. Auch für Stadtmenschen ist die Natur nicht so weit weg wie vielleicht viele meinen.

 

Erschienen in der Wiener Zeitung, April 2013

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