Sauber produziert?

Ist eine völlig wasserdichte und atmungsaktive Jacke auch bei Wanderungen auf der Alm nötig? Jeder Bergwanderer könnte sich vor einem Kauf überlegen, ob er vorhat, Viertausender zu besteigen, bei einem Berglauf teilnehmen wird oder bei gemütlichen Touren bleibt. Denn 100 Prozent Wasserdichte hat einen hohen Preis: Chemikalien gefährden Mensch und Umwelt.

Eva Maria Bachinger

 

PTFE und PFC – diese Abkürzungen stehen im Zeichen der Kritik. Der chemische Stoff PTFE (Polytetrafluorethylen) befindet sich in vielen Jacken und sorgt dafür, dass Nässe abperlt, der Wind nicht durchkommt und auch Schmutz abgewiesen wird. Auf diese über- zeugenden Eigenschaften der Chemikalie setzten in den vergangenen Jahren immer mehr Ausrüster. Große Firmen wie Adidas, Arc ́teryx, Mammut, Löffler, North Face, Mountain Equipment und viele mehr verwenden Gore-Tex- Membrane. Profis wie Stefan Glowacz, David Lama und Benedikt Böhm schwören darauf und werben für die Weltmarke. Das Unternehmen macht jährlich mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz. Extremskibergsteiger Böhm ist mit seiner Firma Dynafit Partner von Gore-Tex und stieg mit sehr leichten „ActiveShell-Jacken“ auch auf Achttausender. Dass diese Produkte funktionell hochwertig sind, bezweifelt niemand. Die Frage ist nur, ob jede Bergjacke solche Membranen braucht. Nicht jeder nimmt an schweißtreibenden Bergläufen teil oder geht innerhalb weniger Stunden auf die höchsten Berge.

 

Nicht tolerable Auswirkungen

 

Denn der Nachteil dieser Hightech-Kleidung ist groß: PTFE kann bei der Herstellung, Deponierung oder Verbrennung PFC (per- und polyfluorierte Chemikalien) freisetzen. Greenpeace-Konsumentensprecherin Claudia Sprinz meint: „Diese Substanzen haben schwerwiegende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, die nicht tolerierbar sind. Solche Stoffe gehören absolut nicht in die Natur.“ Gore-Tex hingegen betont: „PTFE, das Material, das wir für unsere Membranen verwenden, ist ungiftig, biokompatibel, unlöslich und gelangt nicht in Gewässer.“ Die Produkte seien „umweltgerecht“ und das Tragen sei „völlig unbedenklich“. Da bleibt man erst mal ratlos zurück. Ob das Tragen solcher Kleidungsstücke zur direkten Aufnahme von PFC in den Organismus führt, kann derzeit niemand sicher sagen – die Studienlage dazu ist nicht üppig. Das deutsche Umweltbundesamt bestätigt aber auch, dass PFC im Trinkwasser, im Blut sowohl von Europäern als auch in höherer Dosis bei Personen, die an den industriell belasteten Arbeitsplätzen den Stoffen ausgesetzt sind, gefunden wurden. Die Forscher entdecken sie in sämtlichen Gewässern, sogar in der Arktis und in der Tiefsee. Es sind Rückstände in den kommunalen Abwässern in Europa zu finden, wohin sie unter anderem auch durch das Waschen von Textilien gelangen. PFC kommen in der Natur nicht vor, sind sehr langlebig und kaum abbaubar. Da die Outdoor-Industrie in den vergangenen Jahren boomt, hat auch die Verwendung dieser Chemie zugenommen. Bei Tierversuchen wurde festgestellt, dass sie die Fortpflanzung und die Immunabwehr beeinträchtigen. „Die Bevölkerung ist zu Recht verunsichert“, hält das Amt fest.

 

Die Umweltschutzorganisation Greenpeace führte 2013 erneut einen Test von Outdoor-Kleidung durch: Dieses Mal wurden 15 Jacken und zwei Handschuhe von zwölf namhaften Herstellern im Labor getestet. „PFC wurden in allen getesteten Kleidungsstücken nachgewiesen, zum Teil in erheblichen Konzentrationen“, heißt es in dem Bericht „Chemie für Gipfelstürmer“. PFC wurden auch dann gefunden, wenn ausgewiesen wurde, dass keine PFC verwendet wurden. Spitzenreiter mit den höchsten Werten waren Jacken von Jack Wolfskin und Schöffel sowie Handschuhe von Mammut. Eine Jacke von Salewa und Handschuhe von North Face – jeweils mit Gore-Tex – sowie eine Daunenjacke von Schöffel schneiden ebenfalls schlecht ab. Hersteller räumen mittlerweile ein, dass sie an Alternativen arbeiten würden, man sich aber noch in einer Art Übergang befinde. Gore-Tex meint aber auch, dass der Ersatz der beanstandeten Chemikalien „voraussichtlich zu wesentlichen Funktionalitätseinbußen und einer kürzeren Lebensdauer“ der Produkte führen würde. Bernhard Kiehl, bei Gore-Tex zuständig für Nachhaltigkeit, betont: „Wir setzen uns mit dem Thema schon lange auseinander. Das Wichtigste ist, dass man konsequent handelt. Wort und Handeln sollen im Gleichklang sein, um glaubwürdig zu sein.“ Man verwende in den Produktionsstätten nur Chemikalien von einer „white list“, die auch in Europa erlaubt seien. Die EU hat das strengste Chemikaliengesetz weltweit. Dabei geht es vor allem um Lagerung, Verwendung, um den Schutz der Arbeitnehmer, um Wiederaufbereitung von Luft und Wasser. Die Umweltauflagen sind in Europa jedenfalls strenger als beispielsweise in Asien. An allen Produktionsstätten erfülle Gore-Tex höchste Umweltstandards, gehe über die gesetzlichen Vorgaben hinaus und führe Abluft- und Abwasserreinigung durch, betont die Firma.

 

Völlig verschmutzte Flüsse

 

Ein Standort ist in der chinesischen Stadt Shenzhen, ein Zentrum der exportorientierten Industrie. Falls Gore-Tex dort wirklich sämtliche Umweltauflagen auf europäischem Niveau einhält, dann ist die Firma entweder das einzige umweltfreundliche Unternehmen dort und es hat zumindest auf den ersten Blick keine sichtbare Auswirkung: Laut chinesischen Medien sind die Flüsse der Region völlig verdreckt und für nichts mehr zu gebrauchen. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua veröffentlichte Ende Oktober schockierende Fotos von einer grau-schwarzen Brühe, die der Fluss Maozhou sein soll. Entlang der Ufer leben etwa drei Millionen Menschen und befinden sich 250 Fabriken, „die für schwere Verunreinigungen bekannt sind“, berichtet die South China Morning Post. Jürgen Nairz, Geschäftsführer von Schöffel Austria, reagiert ebenfalls auf die Kritik von Greenpeace und betont, dass die hohe Funktionalität der Jacken eben nicht auf natürliche Weise erreichbar sei. „Es wird viel geforscht und wir müssen uns mit den Gegebenheiten auseinandersetzen, aber ich halte nichts von einseitigen Kampagnen gegen gewisse Firmen.“ Grundsätzlich sei er froh, dass das Thema diskutiert wird. „Wir müssen möglichst ehrlich damit umgehen. Es ist keine heile Welt, jeder, der das sagt, lügt.“ Und auch der Konsument sei gefordert: „Wir müssen weg von der Wegwerfgesellschaft und uns davon verabschieden, dass Umweltschutz und Qualität zum Billigpreis zu haben sind. Wenn eine breite Basis dafür sensibilisiert ist, dann hilft uns das.“

 

Gibt es Alternativen?

 

Greenpeace fordert jedenfalls von den Herstellern, komplett auf die Substanzen zu verzichten. Es gebe Alternativen, die PFC-frei seien: Polyester, Polyurethan oder auch Imprägnierungen aus Wachs. „Wir haben nie behauptet, dass Outdoor-Kleidung mit ,grüner Chemie‘ umweltverträglich hergestellt werden kann. Uns geht es darum, die besonders gefährlichen Chemikalien aus dem Produktionsprozess zu entfernen, und dazu gehören unserer Ansicht nach die PFC. Da es für viele Anwendungen umweltverträglichere Alternativen gibt, sollten diese bevorzugt weiterentwickelt und eingesetzt werden“, so Chemieexperte Manfred Santen. Die Firma Sympatex verwendet bereits seit 2008 Membranen aus Polyetherester und diese seien wie eine PET-Flasche wiederverwertbar. Ganz unbedenklich ist aber auch Polyetherester nicht, betont Santen. Besser könne man unbehandeltes Polyester recyceln, allerdings seien die Sammelsysteme mangelhaft. Sympatex arbeitet mit Burton, Northland und Vaude zusammen. In Bezug auf Wind- und Wasserdichte sowie Atmungsaktivität seien die Produkte genauso gut. Das wird in der Szene auch nicht angezweifelt, nur Schmutz oder Öl weisen sie nicht so gut ab. Aber zumindest am Berg wird man auf Ölabweisung tatsächlich verzichten können. Eine Alternative scheint die Pflegemittelfirma Nikwax zu bieten: Gründer Nick Brown schwört, noch nie PFC verwendet zu haben. Er entwickelte vor mehr als 30 Jahren ein Imprägnierwachs für Schuhe, später auch für Kleidung. Das Pflegesystem sorge für Wasserdichte, aber auch für Atmungsaktivität. Es wird vor allem von der britischen Firma Páramo verwendet, die Polarexpeditionen und Bergretter ausrüstet. „Wir wissen, dass alle PFC-Chemikalien in der Umwelt dauerhaft und möglicherweise schädlich sind. Auch brauchen wir keine endlosen Argumente über die Schwierigkeiten des Änderungsprozesses“, meint Brown. Derzeit ist Páramo am deutschen Markt nur über das Internet erhältlich.

 

Gute Ansätze gibt es

 

Sowohl Gore-Tex als auch Sympatex arbeiten mit den Gütesiegeln „Bluesign“ sowie „Öko-Tex-Standard-100“ zusammen: Es ist ein erster guter Ansatz, aber die strengsten Umweltgütesiegel, wie Hersteller behaupten, sind sie nicht. Denn wie der Greenpeace-Test gezeigt hat, sind auch Produkte mit diesen Gütesiegeln sehr wohl PFC-hältig. Das Umweltbundesamt appelliert an die Hersteller, ihre Verfahren weiter zu optimieren, um Auswirkungen auf die Umwelt zu mindern oder besser ganz zu verhindern. Allerdings sei der Nutzen der PFC bei vielen Anwendungen offensichtlich. Aber: „Die Verbraucher sollten den un- bestrittenen Segen fluorchemisch hergestellter Regenjacken nur akzeptieren, wenn die Nutzbringer sauber produziert und frei von Rückständen sind.“ Naturliebhaber können sich zudem die Frage stellen, ob eine 75-prozentige Imprägnierung nicht auch bei vielen Aktivitäten reicht. Oder sind wir alle aus Zucker?

 

Bergauf 2/2014

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