Unter Bettlern

Die BettlerInnen Wiens sind Mitglieder der Mafia. Behaupten rechtskonservative PolitikerInnen. Wir haben die Mafia besucht.
Text: Eva Maria Bachinger

 

Von diesen Bettlern geht man reich nach Hause. Reich an Eindrücken, reich, weil die Gesichtsmuskeln spannen, vor Lachen. Das turbulente Leben und die Lebensfreude trotz der Enge in einer etwa 45 m2 großen Wohnung mit zehn Erwachsenen und drei Kindern hinterlässt tiefen Eindruck. Sina sitzt auf drei übereinander gestapelten Matratzen, die schwarzen Haare hat sie zu einem langen Zopf geflochten. Falten ziehen sich schon jetzt Anfang Dreißig durch ihr Gesicht: Das Leben als Bettlerin und Putzfrau hat Spuren im Gesicht der Analphabetin hinterlassen. „Warum? Warum?“, entfährt es ihr verärgert, wenn man sie fragt, warum sie und andere auf Wiens Straßen stundenlang betteln. „Weil wir zu Hause keine Arbeit haben, weil wir viele Kinder haben. Wir müssen sie ernähren“. Es ist für sie logisch, dass sie hier ist. Es ist eine andere Welt, mitten im reichen Wien, wenn man ihre Wohnung betritt. Das Haustor ist nicht verschlossen, es gibt keine Gegensprechanlage in diesem baufälligen Altbau. Das Steinpflaster ist beschädigt. Hier bringt die Post nichts mehr: Die Postkästchen sind zerbeult und aufgebrochen. Im Erdgeschoss, vorbei an Gangtoiletten, hat Sina hinter einer unlackierten Holztür eine Substandard-Wohnung: Küche mit Dusche, ein Wohnzimmer und ein Schlafkabinett. Ein gelber und weißer Vorhang trennt das Schlafgemach vom Wohnzimmer. Abends brennt dort warmes Licht. Auf den blauen, befleckten Teppichboden haben sie einen hübschen, beige-blauen Teppich gelegt. „Den haben wir auf der Straße im Müll gefunden“, erzählt sie. Fernseher, Waschmaschine, Kühlschrank – alles da, auf engstem Raum.

 

Drei Hosen statt eine.

 

Wenn Sina und ihre MitbewohnerInnen auf der Straße sitzen und betteln, machen sie ein trauriges, leidendes Gesicht. Die Kinder, apathisch und still neben den Erwachsenen, auf einer Decke oder im Schoß der Mutter. „Das ist gegen die Natur von Kindern, die einen Bewegungsdrang haben“, meint Norbert Ceipek vom Wiener Krisenzentrum „Drehscheibe“. Bei dem lang gedienten Sozialpädagogen landen die Kinder, wenn ihre Eltern wegen „aggressiver Bettelei“ festgehalten werden und wegen der Strafmandate eine Haftstrafe verbüßen müssen. Hier in der Wohnung toben die sechsjährige Andreea und ihr kleiner Bruder Manu ungebremst herum. Sie sind begeistert über den Besuch, plappern vor sich hin, auch wenn man kein Wort versteht. Sie sind offen, hüpfen auf den Matratzen herum und lachen. Sie unterhalten die Runde der Erwachsenen. Alle lachen. Es fällt kein böses Wort. Viele Passanten auf Wiens Straßen wenden ihren Blick von den Bettlern ab, von ihrer Armut. Um sich gegen die winterliche Kälte zu wappnen, tragen sie mehrere Schichten Kleidung. Besonders die Frauen laborieren immer wieder an Nierenleiden und Entzündungen. „Es macht uns keinen Spaß in der Kälte zu sitzen und zu frieren, aber was sollen wir tun? Wir würden gerne auf das Betteln verzichten“, sagt eine müde Dana. In der Wohnung ist es warm, das Geschirr abgewaschen. Auf dem Ofen köchelt eine Suppe. Eine feine, graue Strähne fällt ihr ins Gesicht. Sie ist erst 29. Gastfreundlichkeit ist ihr oberstes Gebot, auch wenn sie abgekämpft wirkt. „Wir haben hier sehr viel Stress. Ich habe immer Angst vor der Polizei, davor, dass mir mein Kind weggenommen wird“. In dem etwa 20 m2 großen Wohnzimmer und im Kabinett liegt eine Matratze neben der anderen. Die Männer liegen darauf, Kosmir raucht, Florin hustet. Er versteckt sich in seiner Kapuzenweste. Er hat Fieber, ist seit Tagen krank. Eine Katastrophe für jemanden, der unangemeldet am Bau arbeitet und nicht krankenversichert ist. „Pro Tag verdiene ich hier 30 Euro. Für zwölf Stunden Arbeit. Zuhause bekomme ich dafür sechs Euro“, erzählt er. Nun verdient er gar nichts. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er hier ist. Auch seine Rechnung ist einfach. „In Rumänien habe ich über Monate nur eine Hose. Hier habe ich drei.“ Sie holen sich die Kleidung von der Caritas. „Wenn wir nach Wien kommen, sind wir auf alle Fälle glücklicher als zuhause“.

 

Ganz normal – mit dem Bus.

 

Die meisten BewohnerInnen hier sind Roma. Sie geben es nicht offen zu. „Sie befürchten eine Fortsetzung des negativen Klischees.“, interpretiert der Sozialpädagoge Ceipek ihre Zurückhaltung. Alle kommen aus Rumänien, aus dem kleinen Dorf Cimpulung Museel, in der Nähe der Stadt Pitesti. In Rumänien leben fast zwei Millionen Roma, in ganz Europa sind es zehn. Immer wieder wurde das Volk der Roma mit Vertreibung, Diskriminierung und Ermordung konfrontiert. Die AnalphabetInnen- und Arbeitslosenrate ist hoch: Laut einer aktuellen Studie des UNDP (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen) schließen 75 Prozent der Roma-Frauen die Grundschule nicht ab, ein Drittel kann weder lesen noch schreiben. Roma erfahren achtmal häufiger Langzeitarbeitslosigkeit als Nicht-Roma. Sinas Wohnung ist eine von mehreren Unterkünften für Bettlerfamilien in Wien. Sie vermietet die Matratzen und verdient damit auch Geld. Die Erwachsenen müssen pro Matratze bis zu 150 Euro zahlen, für ihre Kinder nichts. Die Fahrt von Rumänien nach Wien kostet 120 Euro. „Wir fahren mit dem Autobus oder mit dem Zug. Ganz normal. Wir haben ein Ticket, für die Kinder Ermäßigung“, erklären sie. Meldezettel werden gegen 50 Euro vergeben. Wenn die Frauen unterschreiben müssen, malen sie die Buchstaben von ihren gedruckten Namen auf den Unterlagen ab. Die Männer können lesen und schreiben, haben Fachausbildungen wie Kosmir, der Automechaniker ist. Er würde gerne wieder in seinem Beruf arbeiten. Kosmir ist froh über seinen derzeitigen Chef auf der Baustelle, obwohl er ihm eine Anstellung verweigert. „Aber er zahlt wenigstens“.

 

Passvermerk: Bettler.

 

Seit Jänner 2007 sind die RumänInnen EU-BürgerInnen. Das schützt sie allerdings nicht vor seltsamen Notizen in ihren Pässen: in drei Pässen der Frauen in Sinas Wohnung ist handschriftlich „Bettlerin“ und „§2 WLSG“ (Paragraf des Wiener Landessicherheitsgesetzes, in dem die Bettelei geregelt ist) eingetragen. BeamtInnen des Kommissariats Brandstätte im 1. Wiener Gemeindebezirk hätten das gemacht, beteuern die Frauen. Peter Goldgruber, Leiter der sicherheits- und verkehrspolizeilichen Abteilung der Polizei in Wien, sagt, die Einträge stammen von deutschen KollegInnen. Schließlich sei auch ein deutscher Grenzkontrollstempel dabei. Schaut man sich die Pässe genau an, findet sich aber kein Stempel von deutschen Behörden. Und ein deutscher Polizist würde wohl auch nicht einen Paragrafen eines Wiener Landesgesetzes eintragen. Der Menschenrechtskoordinator der Wiener Polizei, Friedrich Kovar, hat eine Untersuchung eingeleitet, ob die Vorwürfe zutreffen. Die Sache liegt derzeit bei der Staatsanwaltschaft und im „Büro für besondere Ermittlungen“. Ein Polizist darf keine handschriftlichen Einträge in Reisepässe machen. „Es macht polizeilich eigentlich keinen Sinn, außer man will jemanden ausschließlich diskriminieren.“, so Kovar. Für die Grenzkontrolle sei der Eintrag wertlos. „Der Beamte hat keine rechtliche Grundlage, die Person deswegen aufzuhalten, zu durchsuchen oder Geld zu konfiszieren“. Stumm dürfen sie bleiben Auf der belebten Wiener Mariahilferstraße fühlen sich PasantInnen angesichts so mancher BettlerInnen in eine andere Zeit versetzt: Da sitzt ein Junge in der Kälte dürftig bekleidet und mit nur einem Bein, da steht ein Mann mit einem Pony. Und immer wieder: Frauen mit kleinen Kindern, sitzend auf dem kalten Boden. „In der Vorweihnachtszeit habe ich auf der linken Straßenseite neun Bettler gezählt, auf der rechten elf “, schildert Sozialpädagoge Ceipek. Er macht immer wieder seine Runden und schaut wie es den Kindern geht. „Es ist schlimm“, sagt ein Passant im Einkaufstrubel, „aber so wird man auch mit der Armut konfrontiert.“ „Die sollen arbeiten, die gehören zur Polizei.“, schimpft eine ältere Dame in dicken Nerz gehüllt. Stumm dürfen die BettlerInnen um Geld bitten, aber nicht laut, nicht aggressiv, nicht organisiert. Und sie dürfen die Eingänge zu Kirchen oder Geschäften nicht verstellen. Wer erwischt wird, bekommt eine Verwaltungsstrafe von bis zu 700 Euro. Wer nicht zahlen kann, muss ins Gefängnis. Maria B. hat 19 solcher Strafverfügungen. Ein Beamter war am 13. September besonders fleißig: An dem Tag erhielt die Frau vier Strafmandate innerhalb weniger Stunden: um 13.30 Uhr, 14.55, 15.50 Uhr, 16.37 Uhr, viermal mit der wortgleichen Begründung. „Die Bettler vor dem Stephansdom haben die Eigenheit, dass sie oft den Eingang verstellen“, erklärt der Polizei beamte Goldgruber das Vorgehen. Weil die Frau 1.042,92 Euro nicht parat hatte, musste sie für sechs Wochen ins Gefängnis. Ihr dreijähriges Kind wurde in der „Drehscheibe“ untergebracht. „Ohne Übersetzer, kommentarlos. Die Mutter wusste nicht, was mit ihrem Kind passiert“, ist ein österreichischer Freund, Dieter Wabnig, erbost.

 

Wir helfen uns selbst

 

„Mafia, Mafia!“, Sina macht nur eine abwehrende Handbewegung, „wir helfen uns gegenseitig“. Ja, manche seien kriminell, stehlen, aber sie nicht, sagen alle auf einmal. „Wir werden mit denen in einen Topf gesteckt“, meint Kosmir. „Es stimmt einfach nicht, dass wir alle für andere, für die Mafia betteln würden“. Dass sie das erbettelte Geld alle paar Stunden ihren Ehemännern oder anderen Verwandten geben, finden die Frauen wichtig. Denn die Polizei hat das Recht es zu konfiszieren. In den Strafverfügungen kann man die bescheidenen Beträge nachlesen: 6,23 Euro, 5,58 Euro oder 8,80 Euro. Um der Polizei zuvor zu kommen, schauen die Männer – falls sie nicht arbeiten - immer wieder bei den Frauen vorbei und bringen das Geld nach Hause, erzählen sie. Die Polizei spricht von organisierter Bettelei, weil die miteinander verwandten Frauen Blickkontakt zueinander halten; und von „Hintermännern“ in der Heimat, die ihnen den Großteil ihres Geldes wieder abnehmen würden. Es gibt die Annahme, dass manche BettlerInnen haushoch verschuldet seien und für einen „Capo“ betteln müssten. Sie würden nach dem Prinzip „Aufpasser und Abkassierer“ agieren, wird über die Medien verbreitet. „Für Graz kann ich ausschließen, dass es organisierte Bettlerkriminalität gibt“, ist sich Pfarrer Wolfgang Pucher von der Obdachlosenstelle „Vinzidorf “ in Graz sicher. Er hat den Eindruck, dass generalisiert werde: Einzelfälle werden auf alle BettlerInnen ausgedehnt. Datenmaterial gibt es kaum. Auch der Sozialarbeiter Ceipek spricht von Hintermännern in der Heimat, die alles organisieren und mit dicken BMWs herumfahren würden – inmitten bitterer Armut. „Wenn ich das sehe, bekomme ich einen wirklich dicken Hals. Die wahren Opfer sind die Frauen und die Kinder“. Er betont, dass man allerdings unterscheiden müsse zwischen Straßenkindern, die zum Stehlen angehalten werden und Kindern, die mit ihren Eltern oder Verwandten betteln. Für ihn ist ein Indiz für die Existenz von mafia-ähnlichen Strukturen, dass sie Geld für den Reisepass, Transport, Miete und Meldezettel haben. Der Polizist Kovar spricht von Familien, in denen der Vorsteher alles bestimme. „Wir betteln nur für uns selbst, für unsere Familien. Betteln für andere würde sich doch überhaupt nicht lohnen“, sagt dazu Mona.

 

Wissen nichts von ihren Rechten

 

Die Stadt Wien will in Zukunft das Betteln mit Kindern verbieten – um die Kinder zu schützen. Man hört aber auch, dass es der Stadt um „soziale Stadtbildpflege“ gehe. Die wenigsten können mit Armut umgehen und wollen sie nicht sehen. Die Tourismusstadt Wien will keine bettelnden Kinder am Kohlmarkt. Da immer wieder berichtet wird, dass alle BettlerInnen Geld abgeben müssten, schenken ihnen viele Passanten Essen, den Kindern auch viel Schokolade. Die Vorgangsweise der Polizei verstehen die Frauen oft nicht. Es werde ihnen in ihrer Sprache nichts erklärt, schriftliche Informationen könnten sie nicht lesen, berichten sie. Offenbar haben sie nur Kontakt zu PolizistInnen und mit dem Jugendamt, wenn ihre Kinder untergebracht werden müssen. Ceipek von der „Drehscheibe“ organisiert sich bei Beratungen zumindest einen Übersetzer von der jeweiligen Botschaft. Von Sozialhilfe, ihren Rechten als neue EU-BürgerInnen, von Deutschkursen wissen sie nichts. Dabei ist es nicht so, dass sie nur betteln wollen: „Ich kann gut arbeiten, abwaschen“, versichert Dana. Sie bedrängen einen geradezu mit Fragen, wollen ihre Situation ändern, wissen aber nicht wie. Keiner fragt sie, was sie eigentlich brauchen. Ein siebenjähriges Kind in einer anderen Wohnung hat ein steifes Kniegelenk. Kann es ein Arzt kostenlos operieren? Wird eine schwangere Frau mit Wehen im Krankenhaus abgewiesen? Kosmir wünscht sich ein Deutsch-Rumänisch-Wörterbuch. Am Schluss des Besuches verrät er seinen Traum: Er würde gerne eine Baufirma gründen. „Wie geht das?“

 

Kartoffeln statt Fussball

 

Bei den Sozialorganisationen fallen die ausländischen BettlerInnen offenbar auch durch. Das VinziDorf in Graz und in Wien versorgt sie mit Essen oder einem warmen Bett. Aber Streetwork für Bettler gibt es nicht. Ceipek findet Hilfe für Roma schwierig, da sie einen starken Zusammenhalt hätten und deswegen nicht offen seien. „Das ist die ärmste Schicht in Osteuropa. Als Außenstehender kommt man an sie nicht ran.“ Klar ist: Polizei ist sicher nicht die richtige Organisation, um das Problem zu lösen. Derzeit werden die BettlerInnen nur „beamtshandelt“, weggeschickt, gestraft; müssen für fremdenfeindliche Äußerungen herhalten. Betteln hat einen negativen, kriminellen Touch bekommen. „Manche Passanten beschimpfen uns und spucken uns sogar an“, erzählt Mona. „Dabei ist die größte Bettelorganisation Österreichs die Kirche. Und sie ist dazu auch noch aggressiv, weil sie die Leute moralisch unter Druck setzt“, sagt Pfarrer Pucher zornig über die Stimmung gegen BettlerInnen. „Über die Ursachen denkt niemand wirklich nach“, kritisiert auch Barbara Liegl vom Verein für Zivilcourage und Anti-Rassismus-Arbeit (ZARA). „Würde man statt Vorurteile zu schüren über die Ursachen aufklären, wäre vielleicht das Verständnis für Bettler größer und die Ablehnung geringer. Geld ist genügend da: Die EU, die Weltbank, die OSZE u.a. finanzieren die Roma-Dekade von 2005 bis 2015 – mit Konzentration auf die osteuropäischen Länder. Aber nicht alle bisher realisierten Projekte sind sinnvoll. Die Betroffenen werden in die Überlegungen nicht einbezogen. „Da werden mehrstöckige Wohnsilos hingestellt und dann wundert man sich, wenn Pferde auf dem Balkon im 3. Stock herum stehen“, berichtet Liegl. Auch Ceipek erzählt von einem Projekt in Tschechien, wo Roma aus einem zur Verfügung gestellten Fußballplatz einen Kartoffelacker machten. „Manchmal frage ich mich schon, warum nicht mit den Leuten geredet wird, warum man sie nicht einfach fragt, was sie brauchen“, so Liegl. Der Abschied aus der kleinen Wohnung zieht sich hin, immer wieder entstehen Gespräche, neue Fragen tauchen auf. Man muss versichern, bald wieder zu kommen. Das Mädchen Andreea will das Versprechen schriftlich. Nachdem alle Hände geschüttelt sind, kommen Mona und Adriana noch mit bis auf die regennasse Straße, in die Kälte. Sie winken lachend.

 

Erschienen im Mo-Magazin für Menschenrechte, Jänner 2008 Ausgezeichnet mit dem Nationalen Sonderpreis „Für Vielfalt, gegen Diskriminierung“ der EU-Kommission 2008

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