Vom Stolz in Kinderaugen

Erstmals treten bei den Salzburger Festspielen Kinderchöre des Projekts „superar“ auf. Die Proben für die große Bühne waren intensiv und wochenlang. Die Aufregung der Kinder ist groß. Das Ziel eint sie. Hier findet Integration statt.

 

Spiderman ist ganz offensichtlich ihr Held. Auf den T-Shirts von Tobias und Christoph prangt der Comic-Star. „Christoph ist mein bester Freund und wir fahren gemeinsam nach Salzburg, sogar mit dem Railjet“, sagt Tobias stolz. Er sitzt in der ersten Reihe des Kinderchors. Die Rollläden im Klassenzimmer sind unten, draußen brütet die Mittagshitze. Die Volksschule liegt weit entfernt vom Stadtzentrum, in Wien-Simmering, zwei Stationen mit der Straßenbahn nach dem Zentralfriedhof. Die Kinder der 4b in der Svetelskystrasse singen einen Klassiker der Comedian Harmonists aus den Dreißigerjahren: „Mein kleiner grüner Kaktus, der sticht, sticht, sticht“. Zum Lied gestikulieren die Schüler. „Die Kinder haben sich die Gesten selbst ausgedacht und wir haben sie dann gemeinsam einstudiert“, erzählt Chorleiterin Olena Nechay Nosal später.

 

Gleich zu Unterrichtsbeginn lobt sie die Kinder: „Ich bin so stolz auf euch. Ihr habt es gestern so wunderbar gemacht.“ Am Vorabend hatten die neun- und zehnjährigen Kinder einen Auftritt im neuen Musiktheater „Muth“ der Wiener Sängerknaben im Augarten. Das ist keine Ausnahme, Ende Juni traten sie im renommierten Wiener Konzerthaus neben Musikern wie dem Multi-Percussionisten Martin Grubinger und dem Klavierduo Ferzan und Ferhan Önder auf, Carmina Burana von Carl Orff stand am Programm. Die Anspannung war den Kindern ins Gesicht geschrieben, als sie auf der Bühne Aufstellung nahmen und Hunderte Menschen in den Publikumsrängen vor sich sahen. Am Schluss bekamen sie einen Extra-Applaus. Ein verschmitztes Lächeln huschte da über ihre geröteten Gesichter. Und nun steht nichts Geringeres an als Auftritte bei den Salzburger Festspielen. Neun Kinder aus der 4b sind ebenfalls dabei, neben Christoph und Tobias, auch Nell mit ihrer glockenhellen Stimme. Einige Verantwortliche der Salzburger Festspiele mussten noch überzeugt werden, doch Präsidentin Helga Rabl-Stadler war von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt. Für den 20. Juli suchte man sich mit der VIII. Sinfonie von Gustav Mahler ein anspruchsvolles Musikstück aus. Wenige Tage danach kamen im Großen Festspielhaus rund 400 Kinder zusammen, Superar-Chöre aus Österreich, der Schweiz, der Slowakei, Rumänien, Bosnien und der Türkei sowie aus Venezuela.

 

Dass Kinder aus Randbezirken, nicht selten auch aus Randgruppen, die Möglichkeit haben, an den Stätten der Hochkultur im Chor zu singen, geht auf das Konto von „superar“. „Sing dance succeed“ ist das Motto dieser Initiative, die 2010 von Konzerthaus, Caritas und Wiener Sänger- knaben in Anlehnung an „El Sistema“ aus Venezuela gegründet wurde. Superar kommt aus dem Spanischen: Jedes Kind soll sich groß fühlen, über sich hinausgehen, auch wenn es mit den Mühen des Alltags zu kämpfen hat. Insofern passt Spiderman gut dazu. Derzeit werden rund 700 Kinder in Österreich unterrichtet. Das Interesse der Schulen ist groß, aber nicht alle kommen zum Zug. 15 Schulen stehen auf der Warteliste. Finanziert wird das Projekt großteils durch Sponsoren. Die Teilnahme ist für die Kinder kostenlos. Es geht vor allem um soziale Durchmischung und um Stärkung des Selbstwertgefühls. Man steckt sich hohe Ziele – und es klappt dann auch. Zwei Mal in der Woche wird an den Schulen geprobt. Die Kinder lernen gemeinsam auf ein Ziel hinzustreben, sie erarbeiten sich mit gut ausgebildeten Chorleitern Musikstücke samt Text, üben sich in Rhythmus und Stimmtraining. Sie lernen Lieder aus aller Herren Länder, im Kanon, in Mundart, in Latein, Chinesisch, Türkisch und Französisch ein – ohne die Sprachen zu beherrschen und teilweise ohne Noten lesen zu können. Gerade in multi-kulturellen Klassen erleben Kinder mit Migrationshintergrund, dass ihre Sprache und Kultur plötzlich interessant für andere ist. Sie machen die Erfahrung, dass sie Teil eines Ganzen sind, dass sie wichtig sind. Sie erfahren unmittelbar Anerkennung und Wertschätzung. Die Schönheit der Musik, die tief berühren kann, die Freude am gemeinsamen Singen – all das wird ihnen nahe gebracht. Manche Kinder mit besonderer Begabung werden speziell gefördert – wie Deniz Germec, der bei den Wiener Sängerknaben aufgenommen wurde. Durch die Kinder kommen ihre Eltern mit bisher unbekannten Welten in Berührung.

 

„Gerade stehen, Kinder. Stolz! Ich will es auch in euren Augen sehen“, fordert Olena Nechay. Sie spielt die Melodie des Liedes auf dem Keyboard und gibt den Einsatz. Während alle Kinder gebannt auf sie blicken, senkt ein Mädchen in der dritten Reihe den Blick. Sie runzelt die Stirn und bewegt die Lippen ganz wenig, so als ob sie nur mitflüstern würde. Sie ist Autistin, erklärt Nechay später, doch auch sie sei bei Konzerten dabei. „Es ist schön zu sehen, wie sie aufblüht. Das ist eine Bestätigung für mich.“ Nechay wird des Lobens nicht müde: „Auch Nell singt so wunderbar. Ich kann mich erinnern, dass sie sich am Anfang nicht getraut hat vorzusingen und nun macht sie es so gerne“. Nell ist mit weißer Bluse und schwarzem Gilet bereits wie für ein Konzert angezogen. Sie lässt sich nicht lange bitten und singt vor. Vom Fluglärm draußen und vom Klingelton eines Mobiltelefons lässt sie sich nicht aus ihrer Konzentration bringen.

 

„Wir können auf allen Ebenen beste Ergebnisse erzielen, nicht nur beim Gesang, sondern auch in der Persönlichkeitsentfaltung. Viele Kinder wurden mutig, haben vor der Klasse Dinge getan, die sie sich vorher nicht getraut haben. Wir haben nicht damit gerechnet, dass sich das Singen auf den ganzen Schulalltag auswirkt und der Lerneffekt so groß ist. Die Merkfähigkeit hat zugenommen. Sie merken sich ja ständig Texte, die sie nicht verstehen. Disziplin wird geschult: Sie müssen vor dem Auftritt warten lernen, ruhig bleiben. Das war beim ersten Mal sehr schwierig, nun ist das kein Problem mehr“, sagt die Klassenlehrerin Gudrun Hörler-Dielacher nach der Probe. Olena Nechay sieht den Nutzen des Projekts vor allem bei Kindern, die es schwerer haben als andere: „Einige Kinder bekommen zu wenig Zuwendung und Liebe. Mir ist wichtig, dass sie sich in meinem Unterricht geborgen fühlen. Ich bin auch manchmal streng, ich bleibe professionell, aber sie sollen Spaß beim Singen haben. Durch diese Freude und die Arbeit sollen sie sich weiterentwickeln.“

 

Tobias hat schon immer gerne gesungen, erzählt er. „Ich singe gerne vor mich hin, auch unter der Dusche. Dann bin ich gut aufgelegt.“ Nur beim ersten Konzert habe er Lampenfieber gehabt, „nun gar nicht mehr“. Zur Freude der Chorleiterin antwortet Tobias auf die Frage, was er bei superar toll findet. „Na, die Olena!“

 

Salzburger Nachrichten, 10. August 2013

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