Wer zahlt den Preis?

Wer zahlt den Preis für die neueste Mode? Wir jedenfalls nicht. Sondern Näherinnen in Indien, Bangladesh und China. Neu ist das nicht, wir haben uns nur daran gewöhnt. Was kostet die Solidarität mit Textilarbeiterinnen? Text: Eva Maria Bachinger

 

Sklavenarbeit im Jahr 2012: In Südindien schuften zehntausende Mädchen in Nähereifabriken unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen. Falls sie sich für fünf Jahre verpflichten, werden ihnen 860 Euro jährlich versprochen. Im Monat verdienen sie maximal 54 Euro. Die Familien willigen ein, weil sie z.B. das Geld für die Mitgift brauchen. Dem Versprechen folgt ein böses Erwachen: Die 15- bis 18-Jährigen werden in umzäunten Fabrikbaracken einquartiert, dürfen nur einmal im Monat das Areal verlassen. Besuche der Eltern und Anrufe werden durch die Werksleitung beschränkt. Sie müssen bis zu 16 Stunden täglich arbeiten, bei Fehlern werden sie angebrüllt, auch Schläge sind kein Tabu. Der Staub der extrem feinen Fasern der Baumwolle liegt so dick in der Luft, dass Medienvertreter, die eine der Hallen besuchten, von einem erstickungsähnlichen Gefühl berichten. Wenn Mädchen vor Erschöpfung arbeitsunfähig werden, droht die fristlose Kündigung. Dokumentiert ist auch, dass Frauen selbst wegen Kleinigkeiten vor Vertragsende entlassen werden und nichts von dem für das Ende des Arbeitsvertrages versprochene Geld sehen.

 

In Tiruppur, einem der Zentren der Textilproduktion Südindiens, haben in den vergangenen zwei Jahren etwa 100 Mädchen aufgrund der Arbeitsverhältnisse Suizid begangen. Das berichtet die Clean Clothes Kampagne (CCK), eine Initiative mehrerer NGOs. Bekannte Firmen wie C&A, Ralph Lauren, Diesel, Timberland und der deutsche Diskonter NKD beziehen aus der Textilregion Südindien Ware. Die Zustände, die in der EU unmöglich wären, sind seit Jahren publik. Immer wieder heißt es, dass vor allem in den ausgelagerten Produktionsstätten in Asien unhaltbare Bedingungen herrschen: kein Existenz sichernder Lohn, zu lange Arbeitszeiten in heißen, stickigen Hallen, keine Gewerkschaften. Betroffen sind vor allem Frauen und Mädchen. „Es geht hier um die Umsetzung fundamentaler Arbeitsrechte. Das sollte nicht zu viel verlangt sein“, sagt Gerald Kreuzer von der Textil-Gewerkschaft PRO-GE (Produktionsgewerkschaft). Von den Firmen werde kein besonderes soziales Verhalten gefordert, sondern schlicht die Einhaltung von Menschenrechten: Das Recht auf Arbeit bei gerechter bzw. zumindest kollektivrechtlicher Entlohnung, das Recht, Gewerkschaften zu bilden, das Recht „auf eine vernünftige Begrenzung der Arbeitszeit und regelmäßigen, bezahlten Urlaub.“ So ist es auch in den Artikeln 23, 24 und 25 in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung festgehalten.

 

CSR – oft nicht mehr als Charity

 

Der Nachwuchs in der Modeindustrie ist gut über diese Verhältnisse informiert – zumindest in der Wiener Modeschule Hetzendorf: „Wenn man sich für Mode interessiert, kommt man zwangsläufig an dem Thema nicht vorbei“, meint einer der Studenten, Moritz Gottschalk, 21. Er nähe sich seine Kleidung vor allem selbst oder geht zum Abverkauf in kleine österreichische Designergeschäfte. „Es ist so schwer in unserer Gesellschaft ethisch zu handeln. Man kann nichts machen, keinen Schritt gehen, ohne Fehler zu machen. Das beginnt schon beim Essen.“ Die 18-jährige Modeschülerin Magdalena Schönauer hat sich vorgenommen, „nur Ware aus Ländern einzukaufen, wo die Situation etwas besser ist als in China. In vielen Ländern, wo Ausbeutung passiert, gibt es auch nicht viel Pressefreiheit. Diese Länder tun alles, um Berichte über solche Zustände nicht nach außen dringen zu lassen.“ Meint man als KonsumentIn, dass nur Billigware unfair produziert wird, täuscht man sich: Der Preis sagt heutzutage nichts darüber aus, wo und wie die Ware hergestellt wurde, betont Michaela Königshofer, Koordinatorin der Clean Clothes Kampagne. „Wir haben die größten Schwierigkeiten mit Firmen im Hochpreis-Segment wie Armani, Dolce & Gabbana, aber auch mit Diskontern wie Lidl oder KIK.“ Diese Firmen beteiligen sich weder bei Befragungen der CCK, noch sind sie in Bezug auf Produktionsbedingungen auf ihren Websites transparent. Armani und Hilfiger ließen sich mit einer Stellungnahme Zeit, der Diskonter Lidl reagierte gar nicht, nur Palmers und H&M antworten schnell. Auch C&A antwortet aufgrund des aktuellen Falles aus Indien prompt: „Das ist ein perfides, illegales und menschenverachtendes System“, so Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes. „Wir kennen es seit 2007 und haben unsere Vertragspartner in der Region damals umgehend darüber informiert, dass wir die Anwendung dieses Systems nicht akzeptieren. Unsere unabhängig operierende Unternehmenseinheit SOCAM kontrolliert unangemeldet die Nähereien sowie deren Zulieferer. Das gilt jedoch nicht für vorgelagerte Stufen in der Lieferkette, vor allem für die südindischen Spinnereien.“ Bei Firmen, mit denen kein direktes Vertragsverhältnis besteht, stehen die Kontrolleure vor verschlossenen Türen. Hier bestehe großer Handlungsbedarf, räumt Rolfes ein. Auf jeder Homepage der bekannten Marken findet man links zum Thema „Nachhaltigkeit“ und „Verantwortung“. Corporate Social Responsibility, also die freiwillige Verpflichtung zu sozialer Verantwortung, gehört mittlerweile zum guten Ton. Oft geht das Engagement über Charity-Aktionen aber nicht hinaus. Das Label Tommy Hilfiger gibt in der aktuellen Ausgabe der deutschsprachigen Vogue ein „faires Versprechen“: Die Firma spende Millionen, um die Armut in Afrika bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren. Die Schauspielerin Katie Holmes lässt sich vor den PR-Karren spannen und zeigt sich lächelnd mit Schulkindern in Uganda. Dazu passend wird mit einer Kollektion geworben, die von den „Farben der Landschaft und dem typischen Stil Ugandas“ inspiriert und in Afrika produziert worden sei. Laut CCK lässt Hilfiger aber normalerweise vor allem in Bangladesh produzieren, wo die Bedingungen besonders mies sein sollen.

 

Zu wenig unabhängige Kontrollen

 

Auch die österreichische Firma Palmers ist offenbar nicht besonders stolz darauf, dass die gesamte Produktion nach Asien ausgelagert wurde. Auf dem Etikett in den Unterhöschen steht nun ganz groß „Designed in Austria“ und sehr klein darunter: „Made in China“. Auf der Website ist viel vom Firmenstandort in Wiener Neudorf mit einer Musterschneiderei, mit Abteilungen für Produktentwicklung, Marketing und Vertrieb die Rede. Aber kein Wort über die Näherinnen in Fernost. Für Palmers ist alles beim Besten: „Wir haben mit unseren Lieferanten strenge Standards definiert. Diese sind vertraglich festgelegt. Wir führen regelmäßig Kontrollen durch. Unsere Standards umfassen z.B. das Verbot von Kinderarbeit, unangemeldete Besuche, bei denen alle relevanten Aspekte wie z.B. die Einhaltung von Pausen, die Lichtverhältnisse am Arbeitsplatz oder die regelmäßige Auszahlung der Gehälter kontrolliert und dokumentiert werden. Die Kontrollen werden parallel von zwei Einheiten durchgeführt. Einerseits finden diese durch unsere Agentur vor Ort statt, andererseits durch unsere Mitarbeiter aus der Zentrale in Wiener Neudorf, die regelmäßig nach Fernost reisen. Ein Verstoß gegen die vereinbarten Standards hat für den Lieferanten schwere Konsequenzen. Der Lieferant wird für zukünftige Aufträge gesperrt“, führt die Pressesprecherin aus. Der Haken daran: Wirklich externe, unabhängige Kontrollen werden nicht durchgeführt. Palmers ist zum Beispiel kein Mitglied bei der Fair Wear Foundation, eine unabhängige Kontroll-Initiative, die Arbeitsverhältnisse in der Textilindustrie überprüft. Da ist H&M als Mitglied der FLA, der Fair Labor Association, schon weiter. Trotz aller Beteuerungen verändern freiwillige Verpflichtungen jedenfalls wenig. Das hat offenbar auch die EU erkannt. Über die soziale Verantwortung von Unternehmen gibt es eine Mitteilung der EU-Kommission. Das Europäische Parlament bereitet dazu einen Initiativantrag vor, eine Abstimmung im Plenum könnte Ende dieses Jahres erfolgen. „Kommissar Michel Barnier kündigte im Rechtsausschuss an, dass im Oktober 2012 ein Vorschlag nachgereicht wird, der die Offenlegung von Sozial- und Umweltstandards für europäische Unternehmen vorschreibt“, berichtet die EU-Abgeordnete Evelyn Regner von der SPÖ. Bergsportler: Wissen über Sponsoren gering Eine Näherin verdient in Bangladesh etwa 30 Euro im Monat. Ein Existenz sichernder Lohn wäre das Doppelte. Bei einem T-Shirt, das derzeit 4,50 Euro kostet, würde sich der Preis auf 4,95 Euro erhöhen, wenn man der Näherin 60 Euro zahlt, rechnet Herbert Loock, Unternehmensberater in der Bekleidungsbranche, vor. „Die Preisbildung ist aber immer auch eine Frage von Angebot und Nachfrage zwischen dem inländischen Importeur und dem ausländischen Agenten. Wenn also wirklich ein inländisches Unternehmen bereit wäre, für ein T-Shirt mehr zu bezahlen, bliebe immer noch die Frage, ob der ausländische Agent diese zusätzliche Bezahlung an seine Näherinnen weitergeben würde.“ Eine Preiserhöhung um 45 Cent ist eigentlich nicht der Rede wert, dennoch überbieten sich die Firmen im Wettbewerb und treiben den Preis nach unten. Oder die Gewinnspanne wird immer größer.

 

Das scheint vor allem auch in der Bergsportbranche der Fall zu sein, deren Produkte teuer sind. Bei den letzten Firmenchecks der CCK wurden Unternehmen wie Schöffel, Salewa, Jack Wolfskin und Burton befragt. Nur Mammut und Odlo bekamen unter 14 Firmen die Bestnoten. Doch zumindest die Bereitschaft zur Teilnahme war groß – und auch teilweise der Wille zur Veränderung. So traten etwa Schöffel und Jack Wolfskin der Fair Wear Foundation bei. Der hohe Gewinn der Branche fließt auch in Werbung und Sponsoring. Davon profitieren wiederum SportlerInnen, die von den Firmen aus Imagegründen gesponsert werden. Gut informiert sind die Bergsport-Profis nicht. Die deutsche Eiskletterin Ines Papert behauptet, dass ihr Sponsor Arc’teryx nur in Nordamerika produziere und sie sich deshalb über das Thema Ausbeutung bisher keine Gedanken machen musste. Arc’teryx wirbt damit, dass die Firma noch vor Ort produziere. Nur klein gedruckt ist auf der Homepage zu lesen, dass die Produkte in Asien hergestellt werden. Der Tiroler Bergsteiger Peter Habeler meint dazu: „Wenn die Ausrüstung in Österreich produziert wird, kaufe ich sie. Aber ich glaube auch, dass es Hersteller gibt, die in Asien ihre Mitarbeiter adäquat entlohnen. Ich nehme es zumindest an.“ Der Kletterer Alexander Huber antwortet auf Nachfrage: „Sicher sind die Arbeitsbedingungen einer Firma nicht das erste Kriterium für uns Sportler. Aber es wäre wiederum ein Ausschlusskriterium, wenn eine Firma für schlechte Arbeitsbedingungen bekannt wäre. Ich bin ja bei mehreren Firmen unter Vertrag und ich muss ehrlich zugeben, dass ich nicht bei allen Herstellern weiß, wo unter welchen Bedingungen produziert wird.“ Hauptsponsor von Alexander Huber ist schon seit vielen Jahren Adidas. Ein Weltkonzern, der bereits jahrelang für schwere Verstöße gegen Arbeitsrechte gerüffelt wird.

 

Legale Irreführung der KundInnen

 

Seit den 1970er Jahren haben Firmen ihre Produktion ausgelagert und sich auf ein undurchsichtiges System von Lieferketten und Zwischenhändlern eingelassen. Derzeit gibt es in Österreich nur noch 1.500 Näherinnen, die zwischen 1.200 und 1.400 Euro brutto verdienen. Die Branche ist sehr personalintensiv, doch an den Personalkosten kann das nicht liegen, auch wenn, wie Palmers meint, viele der Produktionspartner „aufgrund des Lohndrucks ihre Fertigung nach Fernost verlegt“ hätten. „Die Firmen könnten auch in Europa gut leben. Es geht nicht um Überleben, sondern um Gewinnmaximierung, um immer mehr Profit“, so Gewerkschafter Kreuzer. Er nennt nur drei Firmen, die noch Standorte in Österreich haben: Triumph, Anita und Wolford. Schneidereien als Kleingewerbe gibt es kaum noch, wenn dann florieren Änderungsschneidereien. Der Konsum von Kleidung hat sich demokratisiert: Auf Schnäppchenjagd gehen aber nicht nur Menschen mit geringem Einkommen, sondern auch jene, die sich durchaus teuere Produkte leisten könnten. Shopping ist eine beliebte Freizeitbeschäftigung: Menschenmassen mit prall gefüllten Einkaufstaschen verbringen ihre Zeit auf den Einkaufsmeilen und in klimatisierten Geschäften. Möglichst hoher Konsum ist politisch gewollt, kurble er doch das Wirtschaftswachstum an. Es reichen nicht mehr drei Hosen, sondern man hat zehn oder mehr. Elisabeth K. steht vor der Pimkie-Filiale: Sie hat eben drei weiße T-Shirts um jeweils 9, 90 Euro für ihre Töchter gekauft. „Ja, ich weiß, dass das möglicherweise nicht unter fairen Bedingungen produziert wurde, aber wieso soll ich mehr bezahlen, wenn ich sie um diesen Preis haben kann?“, erklärt sie. Wo genau die Kleidung produziert wurde, wissen oft nicht einmal die VerkäuferInnen. Geht man in eine beliebige Abteilung einer bekannten Kette, schauen die MitarbeiterInnen erstmal groß, wenn man fragt. Manche müssen selber erst an den Etiketten nachschauen. Andere sagen einfach, in der EU, obwohl es nicht stimmt. Und selbst wenn das Etikett „Made in Austria“ ausweist, kann man nicht sicher sein: Eine Modefirma im Hochpreissegment, die lieber anonym bleiben will, kennzeichnet ihre Ware damit, doch in Wahrheit sitzen die Näherinnen in Ungarn. „Made in Austria“ ist nur deshalb möglich, weil die Nähereifirma, die dem Label zuarbeitet, seinen Sitz in Österreich hat und hier die Wertschöpfung zu 50 Prozent erzielt wird. Eine legale Irreführung der KundInnen.

 

Das Schulzentrum für Mode und Kunst in der Wiener Herbststraße versucht die SchülerInnen vor dieser Täuschung zu bewahren: 2010 haben sie in der Herbststraße im Projekt “we buy, they die“ versucht, die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen nachzuempfinden. Heuer nehmen sie an den „global action weeks“ zum Thema Ethik im Konsum teil. Die diversen Gütezeichen seien ein fixer Bestandteil im Qualitätsmanagementunterricht. Monika Kycelt, Direktorin der Modeschule Hetzendorf, sieht es als „wichtigen Bildungsauftrag an, unseren SchülerInnen die Problematik der Ausbeutung von Arbeitskräften in so genannten Billiglohnländern näher zu bringen und das Bewusstsein dahingehend zu schärfen.“ Die 18-jährige Modeschülerin in Hetzendorf, Namita Herzl, hat Konsequenzen aus ihrem Wissen gezogen: Sie kauft zu 90 Prozent auf Flohmärkten und Second-Hand-Läden. „Das ist zwar nicht fair trade, aber es ist Recycling-Ware. Viele Marken, wo man viel zahlt, verweigern alle möglichen Auskünfte. Und wenn es Information gibt, kann man sehr viel nicht glauben. Viele meiner Freunde glauben, es sei Blödsinn, dass es solche Ausbeuterbetriebe gibt, weil sonst die Medien mehr darüber berichten müssten. Das ärgert mich dann sehr. Es ist furchtbar, dass so viele Menschen naiv sind und glauben, dass alle schlimmen Dinge, die auf der Welt passieren, auch in den Medien sind.“ Gewerkschafter Kreuzer verzeichnet aber eine leichte Trendumkehr der Auslagerungen. La Perla und Etam beispielsweise zogen ihre Produktion von China ab und verlegten sie nach Süd- und Osteuropa. „Wenn sich die Lage in Nordafrika politisch wieder beruhigt, werden viele Firmen dort produzieren. Die Zwischensaisonen werden in der Modeindustrie immer kürzer, deshalb auch wieder die Transportwege.“ Es gibt zwar immer mehr KonsumentInnen, die auf faire Produktionsbedingungen achten: Fair Trade verzeichnete 2011 ein Umsatzplus von 15 Prozent – allerdings entspricht das nur 100 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Die österreichische Textilbranche macht hingegen insgesamt vier Milliarden Euro Umsatz.

 

MO-Magazin für Menschenrechte, Juni 2012

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