Zuerst der Mensch, dann die Tiere

Wieviel Mensch ist der Erde zuzumuten? Der Planet könne ohne Probleme auch zehn Milliarden Menschen ernähren – an der Zerstörung der Umwelt sei die Gier der Industrieländer schuld. Aber ist es so einfach, wie es im Film „Population Boom“ dargestellt wird? Und: Wo bleiben in dieser Rechnung die Tiere, wo bleibt die Natur?

 

„Haben Sie schon mal gehört, dass es auf der Welt zu viele Menschen gibt? Glauben Sie, dass die Erde die Weltbevölkerung bald nicht mehr ernähren kann? Hunger, Armut, Umweltverschmutzung, Klimawandel, schwindende Ressourcen, alles eine Folge der Überbevölkerung? Wer von uns ist zuviel?“, fragt Regisseur Werner Boote in seinem Film. Bilder von Verkehrsstaus und Menschenmassen in Megacitys gehen über in Aufnahmen von der Weite Afrikas. „Hier leben 40 Menschen pro Quadratkilometer, in Westeuropa 170“, sagt Obadias Ndaba, Afrika-Chef von World Youth Alliance. Er führt im Film auf eine Anhöhe, wo man die menschenleere Steppe überblickt: „Das ist Afrika. Glauben Sie immer noch, es ist überbevölkert?“. Afrika ist 30,3 Millionen Quadratkilome- ter groß, Europa mit 10,5 Millionen Quadratkilometer unwesentlich größer als Australien. Die Gründe für die dichte Besiedlung in Europa liegen auf der Hand: reich an frucht- baren Böden, mildes Klima.

 

Was Boote zeigen will: dass die Überbevölkerung in ärmeren Ländern oft als Ausrede benutzt wird, um vom eigentlichen Problem abzulenken. Dass Umweltzerstörung und Armut mehr mit dem Verbrauch der Industriestaaten zu tun habe, als mit der Anzahl an Menschen. Im Film eher unterrepräsentiert ist der Aspekt, dass es auf der Erde nicht nur Menschen gibt, sondern Millionen Tier- und Pflanzenarten, die ebenso ein Recht haben, hier zu sein. In Afrika gibt es noch unberührte Landschaften mit wilden Tieren. Jährlich buchen tausende Urlauber Safaris, um vom Jeep aus die Natur zu erleben. In Europa hingegen sind aufgrund der dichten Besiedlung die großen Jäger wie Wolf, Luchs und Bär marginalisiert. Der Natur- und Artenschutz ist ganz deutlich der Sorge um das Überleben der Menschheit gewichen. Es gibt noch genug Platz. Aber in den derzeit noch unbesiedelten Gegenden ist ein Leben für Menschen nur sehr schwierig zu führen; außerdem finden sich dort die letzten Rückzugsgebiete, existieren Urwälder und wilden Flüsse. „Natur war lange ein Wert für sich. Der Seeadler hat ein Recht auf Existenz, der Biber, der Frauenschuh. Das hat sich geändert. Natur ist nur als Dienstleister wertvoll für Menschen. Unsere Sichtweise ist sehr anthropozentrisch“, sagt Ulrich Eichelmann, der sich für Flusslandschaften einsetzt. Der Diskurs wird auf den Menschen bezogen geführt. Er gilt unbestritten als die „Krone der Schöpfung“, Tiere, Pflanzen, Boden, Landschaften werden kaum einbezogen. Der Planet muss wegen uns „gerettet“ werden. „Bei den Grünen steht die Natur im Zentrum, bei uns der Mensch“, sagt Angelika Mlinar, EU-Kandidatin der Neos. Diese Darstellung insinuiert, dass Mensch und Natur zwei Komponenten sind, die man ins Zentrum oder an den Rand stellen könne. Doch sie sind nicht zu trennen, sie sind eins. Doch mit Naturschutz ist kein Blumentopf zu gewinnen – das haben auch die Grünen längst erkannt. Nun findet man Wasserkraftwerke ganz gut, die Turbine des Salzachkraftwerks trägt heute sogar den Namen des grünen Salzburger Stadtrates Johann Padutsch. Hainburg ist lange her.

 

Aussterben von Arten, das hat es immer gegeben. Neu ist das Tempo. Seit dem 18. Jahrhundert nimmt die Bevölkerung exponentiell zu, die Folge ist: Der Mensch verändert ganze Ökosysteme. Alle Lebewesen sind auf bestimmte Bedingungen angewiesen und an sie angepasst. Können sie sich nicht rasch genug an Veränderungen anpassen, sterben nach und nach einzelne Populationen, dann Unterarten und schließlich die letzten Vertreter einer Art aus. „Die meisten sterben jedoch aus, bevor wir überhaupt wissen, dass sie jemals existierten“, heißt es in einem WWF-Bericht. In der jüngsten umfassenden Studie aus 2011 schätzen Biologen, dass es mehr als acht Millionen Arten auf der Erde gibt, wovon nur zwei Millionen wissenschaftlich beschrieben sind. Der Living Planet Index, der alle zwei Jahre vom WWF und anderen NGOs herausgegeben wird, zeigt, dass Populationen von Wirbeltierarten zwischen 1970 und 2008 weltweit um etwa ein Drittel geschrumpft sind.

 

Auch wenn man zu Recht sagt, dass Naturzerstörung vor allem auf das Konto der Industriestaaten geht, bleibt die Frage: Wie viele Menschen verträgt die Erde, wie viele kann sie ernähren, wie soll dann jeder leben? „Es ist logisch, dass zehn Milliarden Menschen mehr verbrauchen als sieben Milliarden. Das zu negieren, ist nicht sinnvoll. Aber wenn man das sagt, ist man Nazi oder Chinese“, meint Eichelmann. Oder wird von Boote verglichen mit Biologen wie Hans Hass. Der hatte in seinem umstrittenen „Brief an die Frauen“ von jeder Frau gefordert, nur zwei Kinder zu bekommen. „Die alten Naturschützer leben noch ein bisschen in der Siebzigerjahrepanik des letzten Jahrhunderts“, sagt der Filmemacher. Eichelmann kritisiert hingegen, dass man weiteren Erschließungen Tür und Tor öffne, wenn man „Der Mensch zuerst“ propagiere: „Die Anzahl, der Verbrauch insgesamt zählt. Natürlich sind wir in den Industrieländern gefragt, den Verbrauch zu drosseln, aber wenn die Bevölkerung weiterhin wächst, sind mehr Ressourcen, mehr Energie, mehr Platz nötig. Der Wohlstand steigt ja generell. Dadurch nimmt der ohnehin bereits große Druck auf die letzten Naturgebiete und ihre Bewohner zu.“

 

Das Thema werde leider oft als „alles oder nichts“- Frage gestellt, sagt der Bevölkerungsexperte Wolfgang Lutz. „Es gibt nicht zu viele Menschen, sondern zu viele Menschen mit zu wenig Bildung und zu wenig Essen. Es ist vor allem ein Verteilungsproblem“, meint er. Klar sei aber auch, dass das Bevölkerungswachstum die Ökosysteme belaste. Die Prognosen, wie sehr die Menschheit noch wachsen wird, liegen oft weit auseinander. Wenn die Geburtenraten weltweit sinken, könnte es Ende des Jahrhunderts sechs Milliarden Menschen geben – wenn dieser Fall nicht eintritt, sind es zwölf Milliarden. Am wahrscheinlichsten ist, dass neun bis zehn Milliarden Menschen auf der Erde leben werden. „Das setzt aber voraus, dass die Entwicklung in Afrika so weiter geht wie bisher in Asien, also dass die Geburtenraten zurückgehen.“ Besonders in Ländern wie Nigeria sieht der Experte ein großes Fragezeichen. Derzeit beträgt dort die Geburtenrate sechs Kinder pro Frau. Lutz rechnet mit 570 Millionen Nigerianern bis zum Ende des Jahrhunderts – um 400 Millionen mehr als derzeit. Problematisch sei vor allem auch das rasante Tempo des Anstiegs: „Ein Bevölkerungswachstum von mehr als zwei Prozent pro Jahr überfordert praktisch jedes Land. Die Sozialsysteme, die Infrastruktur können da nicht mithalten“. Die UNO rechnet mit einem langsameren Rückgang der Geburtenrate und schätzt, dass Nigeria auf eine Milliarde Menschen bis Ende des Jahrhunderts anwachsen wird. „Theoretisch haben mehr Menschen Platz auf der Erde. Aber es ist auch klar, dass das Recht auf Nahrung bei zwölf Milliarden Menschen schwieriger zu sichern ist als bei sechs Milliarden“, so Lutz.

 

Die Ernährungsfrage ist ein wichtiger Punkt. „Noch immer denken manche, dass eine Milliarde Menschen deswegen hungern, weil es nicht genug Nahrung gibt. Doch weltweit werden genug Lebensmittel produziert, um die gesamte Menschheit ernähren zu können! Auch wenn die Weltbevölkerung in der Mitte des Jahrhunderts ihren Zenit mit 9,5 Milliarden erreicht, wird es möglich sein, alle Menschen zu ernähren und für einen gewissen Wohlstand aller zu sorgen,“ argumentiert Regisseur Boote. In „Population Boom“ heißt es, dass allein der Sudan, wäre er ein intakter Staat, das Potenzial hätte, eine Milliarde Menschen zu ernähren. Fliegt man über dieses riesige Land, sieht man aber fast nur Ödland. Ein Drittel des Sudans besteht aus Wüste, die sich pro Jahr um fünf bis zehn Kilometer ausweitet. Im Sommer steigen die Temperaturen auf bis zu 50 Grad, Wasser ist Mangelware, wegen des Klimawandels regnet es weniger. Weltweit werden mehr Lebensmittel pro Kopf produziert als je zuvor. 2011 wurde eine Rekord-Getreideernte eingefahren – mit 2,3 Milliarden Tonnen wuchs die Produktion um 3,5 Prozent gegenüber 2010.

 

Doch wie erreicht man diese enormen Erträge und wie können sie noch gesteigert werden? Der Bodenexperte Hans-Peter Haslmayr betont, dass derartig hohe Erträge nur durch gezielten Einsatz von Wirtschaftsdünger und Pestiziden möglich sind. „Um die Ernährung von zehn Milliarden Menschen im Jahr 2050 sicherstellen zu können, wird es notwendig sein, die durchschnittlichen Getreideerträge binnen weniger Jahrzehnte fast zu verdoppeln“. Neben dem Verteilungsproblem müssten sich auch die Nahrungsmittelverluste reduzieren. Derzeit geht weltweit etwa ein Drittel der Lebensmittel verloren. „Global sind wir von einer Überproduktion weit entfernt. Es gibt viele Gebiete mit Überproduktion, das muss aber so sein, da dort Lebensmittel für Leute produziert werden, die in Regionen leben, wo aus naturräumlichen Gegebenheiten keine hochproduktive Landwirtschaft möglich ist.“ Bereits jetzt gehen jährlich unvorstellbare sechs Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche durch Ausbeutung der Böden verloren. Die Gesamtfläche an degradierten Böden ist inzwischen weltweit doppelt so groß wie die Fläche Chinas, viele davon sind unwiderruflich geschädigt. Dass heutige Landwirtschaft großteils ein Industriezweig ist, wird so nicht wahrgenommen – kein Wunder angesichts von Werbelinien, die uns eine einfache, bäuerliche Produktion vorgaukeln. Die Erzeugung von Kunstdünger erfordert sehr viel Energie aus fossilen Brennstoffen, die eigentlich reduziert werden sollten, und Phosphate, deren Vorkommen ebenfalls begrenzt ist. Auch Gentechnik wird besonders in den USA zur Steigerung der Erträge beworben. Maßgeschneiderte Pflanzen sollen noch effizienter wachsen und gegen Schädlinge immun sein. Haslmayr sagt, dass die Gentechnik zur Beschleunigung der Züchtung ein wirksames Mittel sein könnte. Doch die Grenzen sollten dort gezogen werden, wo man genetischen Einfluss auf Resistenzen von Kulturarten gegen Herbizide nimmt.

 

In der Natur hat alles eine Funktion. Wie es sich auswirkt, wenn dieses Prinzip durch Eingriffe gestört wird, ist in Rumänien zu besichtigen, wo derzeit besonders viel Land erschlossen wird. Es gibt kilometerlang Ackerbauflächen; keine Bäume, keine Blumenwiesen, keine Artenvielfalt. Nun mag man das als Trübung des Schönheitsempfindens von Naturliebhabern abtun, doch es bedeutet viel mehr: Vernetzung und Vielfalt werden zerstört. Natur findet dann nur noch in Nationalparks statt.

 

Natur lieben lernen

Biene oder Hummel? Viele Kinder haben Zugang zur Natur verloren.

 

„Erziehen Sie Ihre Kinder nicht zu Naturliebhabern“, heißt es in dem Bericht „2052: Eine globale Vorhersage für die nächsten 40 Jahre“ des Club of Rome. „Wenn Sie Ihrem Kind beibringen, die Einsamkeit der unberührten Wildnis zu lieben, so wird es etwas lieben, das es immer seltener geben wird. Sie erhöhen da- durch die Chance, dass Ihr Kind unglücklich wird, weil es das, was es sich wünscht, nicht mehr finden wird in einer Welt mit acht Milliarden Einwohnern und einem im Vergleich zu heute doppelt so hohen Bruttoinlandsprodukt. Die neue Generation lernt besser von Anfang an, im pulsierenden Leben der Megastädte zu Frieden, Ruhe und Zufriedenheit zu finden und bei endloser Musikuntermalung in den Ohren.“ Trotz dieser Empfehlung haben die Forscher offenbar noch Hoffnung, denn bei der Präsentation ihres Berichts appellierten sie an die Öffentlichkeit, es nicht so weit kommen zu lassen.

 

„Die Natur als Kind zu erleben hat wesentlichen Einfluss darauf, ob man eine Liebe zur Natur entwickelt und später im Beruf Entscheidungen für den Naturschutz trifft“, meint Barbara Tauscher, Leiterin des WWF-Bildungsprogramm. Der WWF schult jährlich bis zu 5000 Kinder und Jugendliche draußen in der Natur. Denn was man nicht kennt, schätzt und vermisst man nicht. Wer nur den Gesang einer Amsel bestimmen kann, kränkt sich nicht, wenn er keinen Grünling mehr hört. Wer keine Erinnerungen an Landschaften hat, trauert nicht, wenn Gletscher schmelzen oder Wälder gerodet werden. Wer noch nie einen wilden Fluss gesehen hat, ist beim Paddeln auf dem Stausee auch glücklich. Wer noch nie einen Urwald gesehen hat, meint, ein Fichten-Wirtschaftswald sei ganz natürlich. Umweltbewusstes Verhalten ist deshalb nur bedingt über Appelle der Politik und Medien zu erreichen.

 

Die Biologielehrerin Ulrike Ozlberger am ORG Vöcklabruck ist so oft wie möglich mit ihren Schülern draußen unterwegs. „Sie sollen eine Au riechen, spüren, begreifen. Das ist enorm wichtig.“ In den Lehrbüchern kommt die Systematik bei Pflanzen und Tieren in den Augen der Pädagogin viel zu kurz – und die Kinder bringen immer weniger Grundkenntnisse von zuhause mit. Nun müsse man bei Null anfangen, sagt Ozlberger. Es mangelt an Lehrern für Biologie, und so unterrichten oft Lehrer, die dafür nicht ausgebildet sind. Sie erzählt von einem Erlebnis bei der letzten Exkursion: „Ein Schüler rief, Frau Professor, das ist aber eine große Biene. Doch es war eine Hummel. Die anderen haben es aber auch nicht besser gewusst. Da geniert sich niemand und ich dachte ,Halleluja!‘.“ Die Ausflüge könnten dieses Unwissen nicht mehr ganz kompensieren, aber die Stunden in der Natur blieben den Kindern als Erlebnis in Erinnerung. Dass die Jugendlichen immer weniger Bezug zur Natur haben, sieht sie auch als Versäumnis der Eltern. „Die Kinder kommen einfach nicht mehr raus. Viele sitzen stundenlang vor dem Fernseher. Die Schule kann nicht alles abfedern, auch wenn das alle verlangen und glauben.“

 

Viele Kinder wachsen heute überbehütet auf. „Sie dürfen sich nicht mehr schmutzig machen. Manche Kinder erzählen uns, dass sie zum ersten Mal in einem Wald seien. Viele Kinder haben klar den Zugang zur Natur verloren“, sagt Erika Dorn vom „Nationalpark Donauauen“. Fernsehen ist Freizeitbeschäftigung Nr. 1. Laut Statistik Austria sitzen die 10- bis 19-Jährigen täglich fast zwei Stunden vor dem Fernseher, ein Viertel spielt täglich am Computer, im Schnitt eineinhalb Stunden. Dem Sport, der aber nicht nur draußen stattfindet, wird eine halbe Stunde zugebilligt. Unter dem Punkt „Fischen, Sammeln in der Natur“ gibt es in den Tabellen der Statistiker keine Zeitangaben.

 

Der Abschied der Kinder von der Natur bleibt nicht ohne Folgen. Ohne die Nähe zu Pflanzen und Tieren verkümmert Bindungsfähigkeit, Empathie, Fantasie und Lebensfreude. Nicht nur die Verdrängung der Natur durch den Menschen führt dazu, sondern auch die Angst der Eltern. Während unsere Großeltern nicht selten durch Wald und über Wiesen in die Schule gehen mussten, werden heute die Sprösslinge im Auto zur Schule kutschiert. Spielerisch und nebenbei könnten Kinder auf dem Schulweg lernen, wann die Äpfel reif sind, wann welche Blumen blühen und welche Tiere schon aus dem Winterschlaf erwacht sind. Doch statt Kinder autonom Freizeit gestalten zu lassen, werden sie zu Judokurs und Klavierspiel eingeteilt. Fit für den Konkurrenzkampf zu werden ist wichtig, nicht die Wildheit und Selbsterfahrung in der Natur. Dabei könnten Kinder genau dadurch zu erfüllten, starken Persönlichkeiten werden, sagt der Neurobiologe Gerald Hüther. Je komplexer die Umgebung, je vielfältiger die Beziehungen, desto intensiver das kognitive Wachstum im Gehirn. Das perfekte, vielfältige Gegenüber ist die gewachsene Natur, mit großen und kleinen Lebewesen, die leben und sterben. So erfährt sich das Kind als Teil der Natur und kann die wachsende Trennung zwischen Mensch und Natur überwinden.

 

Salzburger Nachrichten, 31. Mai 2014

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